Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Dezember 1954 (Tübingen)


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Tübingen, den 16. Dezember 54.
Meine geliebte Freundin!
Gleich am Dienstag früh habe ich an Hermann geschrieben, so gut ich es konnte. Das heißt: ich habe ihm nur die Situation geschildert, die sich herausgebildet hat, ohne den Ton des Vorwurfs, und habe ihm nahegelegt, seinerseits nachzuholen, was etwa unterblieben ist.
Dir aber würde ich raten, wie es ja auch sonst Deine Gewohnheit war, am Heiligen Abend (im stillen mit mir) zu Hause zu bleiben, so unangenehm dies unter den gegebenen Umständen sein mag. Kommt dann etwas durch die Türritze, dann nimm auch eine etwas ungeschickt dargebotene Hand entgegenkommend an. Die kleinen, nicht etwa "extra dicken" Geschenke wirst
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| Du ja, wie verabredet, bereit haben.
Du sagst, daß Du bei Frau Heinrich gewesen wärest, aber nicht, wie sie sich geäußert hat und wozu sie geraten hat.
Das Ehepaar Schmeil habe ich schriftlich noch einmal gebeten, dauernd mit Rat und Hilfe zur Verfügung zu stehen. Wende Dich also in etwa dringenden Fällen dorthin. Schmeil hat Anlaß, mir verpflichtet zu sein.
Den Besuch bei Frau Ehrmann und bei Frau Jordan, der Mutter von Frau Schmeil, schiebe nicht zu lange hinaus. Denn wenn sich ergeben sollte, daß dort in absehbarer Zeit nichts zu hoffen ist, müssen wir uns in anderer Richtung umsehen. Es wird auch gut sein, wenn Du einmal die zuständige Dame auf
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| dem Sozialamt, Frau Koop oder Koob?, nach schriftlicher Anmeldung besuchst und ihr die ganze Sache darstellst, mit der Bitte, Sie mündlich um Rat und möglichst um tätiges Eingreifen. Bei der schriftlichen Anmeldung kannst Du meinen Namen gleich erwähnen. Schmeil sagt, daß sie meine Sachen kennt.
Die üblichen Weihnachtspäckchen aber lasse in diesem Jahr weg. Gründe anzugeben, ist nicht nötig. Eine bunte Grußkarte im Höchstfalle hat auch ihren Gemütswert.
Nach der Rückkehr habe ich unangenehm viel zu tun gehabt mit der Beantwortung der etwa 20 Zuschriften, die auf die Wiederholung meines Rundfunkvortrages am Sonntag früh "Umgang mit sich selbst", eingegangen waren. Noch
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| mehr sollen sich direkt an den Rundfunk gewandt haben. Dr. Bähr hat heute erzählt, daß von den "Gedanken" schon die zweite Auflage hergestellt wird. 10000 waren gedruckt, 8000 sind verkauft
Ich muß heute Abend noch eine kurze Neujahrsansprache für den Rundfunk machen, die morgen früh auf Band genommen werden soll. Die erste Fassung ist mir in der Zerstreuung durch viele Kleinigkeiten mißglückt.
Das Wichtigste ist mir heute, daß Du Deine Gemütslage nach Möglichkeit wieder in Ordnung bringst. "Mut und Gottvertrauen!" Sonst wird alles noch viel schlimmer. Du mußt an anderes denken, auf Erleichterung Deiner wirtschaftl. Aufgaben bedacht sein und Dir täglich sagen "Es kommt auch wieder besser!"
Mit vielen teilnehmenden Grüßen auch von Susanne und Ida
innigst Dein
Eduard.