Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Januar 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Januar 54.
Mein einziger geliebter Freund!
Nun endlich ist [über der Zeile] der übliche Kalender zur Absendung bereit, der eigentlich zu Weihnachten bei Dir sein sollte, und dann nicht einmal zu Neujahr all die treuen Wünsche für Dich bringen konnte. Sie sind in mancher stillen Arbeitsstunde in das Papier übergegangen und werden nun hoffentlich an jedem künftigen Tage um Dich sein! Das Machwerk ist natürlich nicht entfernt das geworden, was es sein sollte, aber seine stille Symbolik wird doch zu Dir reden. – Das Ornament ist angeblich aus einer der Reichenauer Kirchen.
Du wirst denken, es wäre besser gewesen, ich hätte auf die gewohnte kleine Handarbeit (Kunstfertigkeit!) verzichtet und wäre pünktlicher im Schreiben und folgsamer
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| Deinen Ermahnungen gewesen, aber wenn Du wüßtest, wie froh es mich machte, als endlich eine stetige Arbeitsfähigkeit über mich kam, ein Gefühl des Gesundwerdens, dann würdest Du meine Unpünktlichkeit verzeihen!
Auch die reine Winterluft ist wohltuend. Aber immer mußte ich denken, wie gut es war, daß dieser Schneefall erst nach Eurer Reise BollAlpirsbach einsetzte. In Tübingen kannst Du Schädigungen doch eher ausweichen.
Mit welchen Gedanken auch ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, sagt Dir der Kalendergruß. Es ist für mich ganz besonders verbunden mit der Nachricht von dem jähen Tod meines Vaters. Da fand ich ihn zufällig in der Bibel, aber verstehen konnte ich ihn nicht. Wie vernichtend brach auch damals das Schicksal in mein Leben.
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Diesmal aber war es leicht, immer wieder die gute Seite der Sache zu sehen, und auch alle Schwierigkeiten lösten sich wie von selbst. Denn wie eingreifend dieser doch Unfall doch war, merke ich noch immer.
Aber in mir ist nur Dankbarkeit. Du hast sicherlich garkeine Vorstellung davon, welch unendliche Hülfe mir Deine Güte und Liebe war, die mich so selbstverständlich über alle Beschwerden hinweg hob. Aber ich muß es Dir doch sagen, denn ohne Dich hätte ich nicht den Willen der Überwindung aufgebracht, denn ich wußte doch, mein Versagen würde Dich betrüben. Darum war ich es dem Leben einfach schuldig, mich zu bewähren. Es war mir ja schon schmerzlich genug, es Dir nach Hohfluh zu melden.
So laß Dir von ganzem Herzen danken, und ebenso der höheren Macht, die unsere Lebenswege lenkt.
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Wie dankbar bin ich auch für Deine lieben Briefe mit den ausführlichen Berichten. Und nun ist doch bald der 8., der uns ein Zusammentreffen in Aussicht stellt. Wie gedenkst Du das zu halten? Am Bahnhof? Mir ist alles recht, und ich bin so weit gesund, wie das meinem Alter entspricht; ich fürchte weder Schnee noch Nässe.
Jetzt bringe ich diesen Brief zur Post und nachmittags kommt der Brief an Susanne dran und die Verpackung des Kalenders.
Grüße unterdes herzlich, auch Ida, deren Befinden ich sehr bedaure.
Hoffentlich hast Du das neue Jahr gut und gesund angefangen. Das hoffe ich bald mündlich zu hören!
In immer gleiche Liebe
Deine
Käthe.