Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10./11. Januar 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10.I.54
21 Uhr.
Mein lieber Freund!
Ich muß wohl annehmen, daß Du morgen wieder auf der Rückfahrt bist, und hoffentlich abends wieder zuhause bist. Es war so schön, daß Du zu mir kamst, ich bedauerte nur, daß ich es Dir garnicht etwas behaglicher machen konnte. Hast Du Dich auch nicht bei der Nässe erkältet? Wie froh machte es mich, Dich wirklich so deutlich an Deinem Kupeefenster noch einmal zu sehen! Hattest Du gedacht, daß ich da stehen würde? Ich hatte etwas Sorge gehabt, Euer Zug würde eher abfahren, ehe ich freie Sicht bekam; ich mußte ja noch über den Bahnsteig hinausgehen. Ein Beamter fragte mich: wo wollen Sie denn da vorne noch hin? – Aber er fand es dann ganz natürlich, daß ich nochmal
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| winken wollte! – Zuhause holte ich dann die übliche Ruhepause noch nach, und später kam Rösel Hecht zu einem erfreulichen Plauderstündchen. – Nach dem Abendbrot waren Frau Buttmi und Frl. Ingold zum Lesen da, und sie entschieden sich für das kleine Buch, das Hermann mir schenkte: Eine unruhige Nacht, von Albrecht Goes. Das scheint mir ein sehr erlebnistreuer Bericht, in erschütternder Darstellung, ohne jede Übertreibung. So liegt ein Hauch von Versöhnung über dem Geschehen, so trostlos es als Bild der Zeit ist.
Gestern bekam ich einen sehr lieben Brief von Susanne, und heut, als ich gerade der Aufforderung von Frau Buttmi folgen wollte, kam das Zimmermädchen vom Kümmelbacher Hof hoch und blieb bei einer Tasse Kaffee 2 Stunden.
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| So fiel der Ausgang bei dem leise schmelzenden Schnee fort, was mir ganz lieb war. Denn ich bin infolge Deiner gestrengen Verbote und meiner dadurch gesteigerten Unsicherheit etwas wetterscheu geworden. Es hatte die ganze Nacht und vormittags ununterbrochen geschneit. Aber der Wind ging nach Süden und Westen herum und wer draußen gewesen war, sagte, es wäre glatt. Ich hoffe nur, daß Du es dort besser hattest. – Es war ein ganz gemütliches Zusammensein mit der etwas ältlichen Person, die mich auf dem Kü-Hof sehr gefällig bedient hatte, und der ich einen Neujahrsgruß schickte. Auch an Schwester Hanna und Doerte, die jetzt im Ruhestand sind, im Häuschen hinter der Gärtnerei.
Am Abend nach Deiner Abreise habe ich noch meine Freude an dem Goethekalender gehabt. Der scheint mir diesmal besonders hübsch. Wer stellt eigentlich die Auswahl zusammen?

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11.I.  Die Zeitung meldet von Schneestürmen; es beruhigt mich etwas, daß die Unwetter ziemlich weit von Deiner Reiseroute östlich zu sein scheinen.
Zu Weihnachten habe ich mehrere Exemplare Deiner neuesten Schrift verschenkt, und alle zeigen großes Interesse und Befriedigung, denen ich sie gab. Es scheint so, als ob auch die "kirchlich Getreuen" Zugang dazu finden. Du findest eben Worte für die Aussage erster Frömmigkeit.
Mir ist in der Nacht eingefallen, daß ich den Brief von Susanne ja von Dir bekam, aber erst nach Deiner Abreise las, darum meldete ich Dir von ihm, als wäre er erst dann gekommen. Solche Zerstreutheiten sind jetzt leider häufiger bei mir. Susanne schreibt so lebhaft und eingehend von dem "Zauberer Gottes", und ich erfahre dadurch, daß die Tatsachen ganz unmittelbare Vergangenheit sind. Ich
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| hatte sie mindestens 100 Jahre zurück datiert. Wie ist das überhaupt mit den zeitgemäßen Errungenschaften? Jeder erobert sie für sich selbst und ist doch an die Stufe des Ganzen gebunden. Sie gibt die Form und wandelt sich auch im Einzelleben. Für den Einzelnen aber entscheidet nur die innere Gewißheit. Gott gab die Möglichkeit ihn zu suchen und verweist damit den Menschen auf sich selbst. Er ist allgegenwärtig, wir aber müssen bereit sein wollen, ihn zu erkennen. Da helfen oft einzelne Worte, die wie Samenkörner in uns Wurzel schlagen und zu festen Erfahrungen werden, die unser Leben bilden zum Dauernden, Ewigen hin. Aber das ist mir kein Zeitbegriff, sondern Werterlebnis – Gottesnähe. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis — So war mir auch der Unfall eine "Aufgabe" und ich fragte mich bereits in der "Hölle" des großen Saales: was will das Leben von mir?
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| doch nicht nur, daß ich den Abstand fühle von den Menschen um mich und mich etwa besser dünke. — Und alles in allem hat sich doch im Rückblick die ganze Folge der äußerlich so passiven Zeit zu einem Glück entwickelt. Auch für das Verhältnis zwischen Susanne und mir. —  —
— Jetzt merke ich nun freilich, daß ich mit meinem äußeren Tagesablauf noch nicht wieder so recht in Schwung gekommen bin. Aber ich hoffe ernstlich, das bald zu ändern. Mit der Versorgung von Frau Wüst kann ich nur zufrieden sein. Und wir verstehen uns durchaus gut. Unzufrieden bin ich nur mit mir selbst, denn ich lebe immer noch in dem Schlendrian der tatenlosen Zeit weiter und treibe dahin in einer Zeitlosigkeit, die garnicht dem Sinn entspricht, den das Wort eigentlich für uns hat. Als ernste Absicht steht vor mir die Ordnung und Sichtung
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| dessen, was mich an Besitz noch umgibt. Aber ich fürchte, es gibt eine Schraube ohne Ende! Und da scheue ich mich noch davor. Werde ich doch vorläufig noch nicht mit den täglichen Anforderungen an Nähereien und dergl. fertig.
Ich hatte früher manchmal solche Zeit des Versagens, was man ja wohl Neurasthenie nennt. Aber das verging immer, wenn eine unerwartete Aufgabe an mich kam, und wurde überhaupt mit den Jahren besser. Nun fehlt mir gegenwärtig nur der entscheidende Ansatzpunkt, die Aufgabe wäre schon da!
Die Schneewolken machen mein Zimmer so dunkel, daß man nur im Dämmerlicht lebt. Und das Schlimmste ist meine Zerstreutheit, die mich oft vergeblich nach irgend etwas suchen läßt. So geht die Zeit ungenützt dahin, und sie ist naturgemäß nicht mehr all zu lang! So soll also das neu begonnene Jahr mit entschiedener Besserung beginnen. Und
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| Selbsterkenntnis ist ja auch der erste Schritt dazu!
Indem ich dies schreibe, hoffe ich, bist Du wieder in Tübingen. Wie mag es bei Litts gewesen sein? Ob Du gute Eindrücke vom Befinden haben konntest?
Sage, bitte, Susanne herzlichen Dank, einstweilen bis ich mich durch die Last der Schulden hindurch arbeite. Auch an Ida Dank für ihre Karte und den Wunsch, daß sie sich möglichst wohl befinde.
Dir, mein einziger Freund, danke ich nochmals vielmals, daß Du mir wieder einige sonnige Stunden trotz aller Winternässe schenktest, und wünsche Dir, daß die Post Dir immer neue Bestätigung Deiner lebendigen Wirkung auf suchende Seelen bringe. Meine steten stillen Wünsche sind ein Gebet für Dich.
Deine
Käthe.

[li. Rand S. 1] Das Buch von Vinzenz Erath kommt bald zurück