Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Januar 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22.I.54.
Mein geliebter Freund!
Endlich wird es in meinen Zimmer mal wieder Tag, und ich fange an, wieder aufzuleben. Als erstes will ich da mal wieder an Dich schreiben, denn ich weiß garnicht mehr, wann das zuletzt geschah! Ich wartete immer auf eine Nachricht, um Dir die Anschrift von Dr. M. geben zu können. Aber er ist für uns Heidelberger anscheinend spurlos verschwunden. Ich war so unvorsichtig, mir keine genaue Angabe geben zu lassen, hatte nur gehört, er habe in – oder in der Nähe von – Lustnau Wohnung gefunden. Eine Karte mit Anfrage über Weinheim, die Wohnung des Vaters, blieb nun ohne Antwort.
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Und von mir selbst ist rein garnichts zu vermelden. Nebel, Dunkelheit und Regen nehmen Stimmung und jeden Unternehmungsgeist. Nur einmal mußte ich in die Stadt wegen der Lapalie bei der Bank und wo ich wohl oder übel den Rat des Beamten befolgte, das betreffende Papier verkaufen zu lassen und mein bisheriges offnes Konto in ein Sparkonto umzuwandeln. Auch einen Schein bei der Krankenkasse holte ich mir wieder und denke im Laufe der Woche Frl. Dr. Clauß aufzusuchen – ohne zwingenden Grund, – aber so im allgemeinen! –
Am Freitag habe ich sehr lebhaft an Deinen Vortrag in Eßlingen gedacht, und ob Du ein dankbares Verständnis fandest? – Vorgestern ließ ich mich von
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| Fr. Buttmi bestimmen, mit ihr ins Kino zu gehen: "Denn sie sollen getröstet werden" – aber das ist nichts mehr für mich, wenigstens war dieser Film zu gehaltvoll, als daß ich in dem schnellen Vorübergleiten alles aufnehmen konnte. Ich sollte einen Vortrag vorziehen, wenn ich schon mal solche Unternehmung riskiere. Oder was Heiteres, so wie wir es manchmal zusammen erlebten!
Da sind mir eben die stillen Stunden am Abend mit einem Buch am liebsten. Ich habe mir gestern einmal wieder die Schillersche Abhandlung vorgenommen. Aber die feinen begrifflichen Einzelheiten und Eigenheiten verwirren sich noch etwas in meinem Kopf und ich werde mich vorläufig mehr nur an Dein Nachwort halten! – Und dann ist da auch wieder eine betrübliche Lücke in
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| meinem Gedächtnis: Wie heißt doch der Freund von Hermann aus Stettin, der Dich zu dieser erläuternden Schrift veranlaßte? Ich kann mich nicht mehr darauf besinnen, obgleich ich den Namen von früher her kannte.
Endlich scheint die Sonne einmal wieder, und da will ich nachmittags den üblichen Weg bis zum "Eselsgrund" gehen! Da passe ich hin, wie Du weißt!!
Das geliehene Buch werde ich an Susanne zurück schicken, die Verpackung liegt bereit. Wenn ich nur nicht immer so lahm wäre!
Aber meine Gedanken gehen viel in die Ferne und vor allem nach Tübingen. Ich grüße Dich innig, und begleite mit meinen treuen Wünschen Deine Wege. Wie wirst Du Dich in den auswärtigen Vorhaben entscheiden? Du wirst es fühlen, wie es notwendig ist.
Alles Gute auch für Susanne und Ida.
In treuem Gedenken
Deine Käthe.