Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Januar 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.I.954.
Mein einziger Freund!
Du mahnst mich zu Geduld, und dabei geht es mir doch so gut, daß ich garkeine Geduld zu üben brauche. Ich habe vielmehr den Wunsch nach einer regelmäßigen Beschäftigung. Die Tage laufen so inhaltslos und regellos dahin. Aber am Montag war auf einmal herrlicher Sonnenschein, um 9 Uhr kamen 5 C Kohlen und dann Dein lieber Brief, das war doch Wärme außen und innen! Die Nachrichten konnten mich auch erfreuen, und da war ich so belebt, daß ich zu Fuß nach Kirchheim ging, am Nachmittag, meiner kleinen Freundin Eveline ein Büchlein brachte, das ihr schon zu Weihnachten zugedacht war, und wieder zurück. – Jetzt ist es
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| nun freilich wieder bewölkt, aber nachher soll noch der übliche Weg v. d. TannEselsgrund gemacht werden und abends kommen Frau Buttmi und Frl. Ingold. Morgen nachmittag hat sich Hedwig Mathy angesagt, und [über der Zeile] vorgestern besuchte mich Frau Héraucourt. Ist es nicht lebhaft? Dazu noch der gewohnte Abend mit Frl. Reinhard, wobei wir immer den in Tübingen verbliebenen Matussek vermissen. Ob er wohl mal bei Euch auftauchte? – Ihr habt von der Festlichkeit für den guten Landesvaters den Anteil in Stuttgart mitgemacht, und das war sicher eine gute Auswahl und hoffentlich nicht anstrengend oder Anlaß zu Erkältung, sondern eine gute Stimmung.
Hier ist eine gewisse Unruhe durch zwei pflegebedürftige Kinder: Ingrid und Marlen. Die Ältere ist sehr vernünftig und scheint über die Höhe der Krankheit, die Kleine hat einen
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| starken Bronchialkatarrh und hustet viel, vor allem nachts. Aber heut hört man weniger.
Ich habe endlich das Buch von Erath eingepackt, und will es nachher zur Post bringen, mit dem lange versprochenen Briefchen an Susanne. – Hoffentlich ist der rauhe Wind für Dich ohne Schaden gewesen. Er war mir persönlich lieber als Nebel und Regen. Allerlei Frostschäden waren in Rohrbachs Wasserleitung. An unserer Ecke wurden einen ganzen Vormittag lang das Pflaster aufgebrochen mit dem elektrischen Bohrer. Das war ein Genuß!!
Doch ich will heute nur rasch diesen Dank für Dein liebes Schreiben abschicken, denn ich möchte doch nicht mißgestimmt bei Dir gelten. Ich habe wirklich keinen Grund dazu, und glaube auch ernstlich, daß ich mich täglich besser mit der Situation abfinde. Es geht nur mit Schneckentempo. Aber das ist vielleicht nur Opposition zur allgemeinen Hast.
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Nun also vorläufigen Gruß an Susanne, die wohl am Montag das Päckchen bekommen wird, das nichts als Brief und Buch enthält, und Grüße auch an Ida, die, wie ich glaube, ähnlich unter Kräftemangel leidet, wie ich.
Schone Deine Gesundheit soviel Du kannst, denn es muß weiter so bleiben, daß Du mit Deiner Leistungskraft zufrieden bist. In dem Büchlein, daß Du mir zu Weihnachten schicktest, ist so manche Äußerung, die man beherzigen kann: man soll nämlich im Alter nicht den Anspruch erheben, man könne noch leisten, was man vor 40 Jahren war!! – Es ist etwas Anderes, was das Leben jetzt von uns fordert. –
Sei in Liebe gegrüßt von
Deiner
Käthe.