Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Februar 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3.II.54.
Mein geliebter Freund!
Die lange Liste der Briefschulden liegt vor mir, und da will ich mich aufraffen, um – zunächst einmal an Dich zu schreiben! Heut morgen brachte mir der Postbote von Dir wieder die getreue Unterstützung, und ich danke Dir sehr. Aber ich mache mir bei der enormen Kälte, der Du in meinem Zimmer so wirksam abhilfst, etwas Sorge um Dich, der Du doch noch mehr Wärmebedürfnis hast als ich. Hoffentlich hast Du außer Hause zu tun, und gehst höchstens mal bei Sonnenschein ins Freie! Bis zum 18.–20.II. wird für München doch wohl mildere Temperatur sein. Denn die Bayerische Hochebene ist rauh. – Bei mir brennt der Ofen Tag und Nacht durch, und das kostet nicht mehr
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| Brand als das tägliche Neuanmachen, wobei viel in den Schornstein fliegt und die Wände auskälten. Und ich hatte doch gerade Kohlen bekommen, als die Kälte einsetzte! – Von dem Fenster in der Chirurgischen hatte ich ja die täglich wachsenden Vorratsberge am Ufer des Hafens beobachtet! Also wird man auch künftig geliefert bekommen. – Schreibe mir doch mal, ob Dein Zimmer mit den Fenster übereck sich gut heizt? Bei mir ist natürlich der stramme Nordwind, (jetzt N.W.) am unangenehmsten fühlbar. Im ganzen ist man aber schon besser an den Winter gewöhnt als in der Übergangszeit.
Ich sitze viel still-beschaulich zuhause, sogar den stereotypen Gang bis zum Eselsgrund habe ich eingestellt, denn die Mittagsruhe ist mir noch lieber. Die verschiedene Lektüre, die mir zu Weihnachten ins Haus kam beschäftig mich
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| noch öfters, auch die Zeitung bringt außer den Berliner Berichten eben allerlei von Interesse, was ein kleines Gegengewicht zu den ersteren ausmachen könnte. – Und außerdem hat mir Frl. Reinhard eine kleine Schrift von Guardini mitgebracht: Gläubiges Dasein. Anfangs nahm ich an manchen Behauptungen Anstoß, aber im Resultat, in der 3. Meditation bin ich so weit, daß ich mit Gretchen sage: "ungefähr sagt hier der Pfarrer auch", was ich als ernstes Lebensresultat errungen habe. Es gibt also verschiedene Wege, und es kann auch in der starren Glaubensbildung echtes, unmittelbares Leben pulsieren. — Jetzt aber bin ich wieder mal zu Deiner Gewißheit in dem "unbekannten Gott" zurückgekehrt! — Ich habe die Bibelstellen, die Guardini zitiert, mit der Lutherischen Übersetzung verglichen, manches ist hier schöner als dortx [li. Rand] x und umgekehrt. es ergänzt sich. Und innig berührt war ich von der Stelle aus dem 1. Brief des Johannes, Kap. 3 Vers 20, den ich mir in seinem ganzen Zusammenhang suchte und
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| ganz wunderbar schön finde, weit tiefer noch als in der Erwähnung bei Erath.
Wenn ich gewußt hätte, daß Dich der seltsame Pfarrer in Masuren auch interessiert, hätte ich Dir gern mein Exemplar geliehen. Es gibt jetzt in den kleinen Büchern so vielseitige Anregung und leichter erreichbar als in großen Romanen. Aber doch auch Mancherlei, was mir nicht zugänglich ist. Da ist z. B. Hemingway, der so gelobt wird. Mädi schickte mir von ihm "Der alte Mann und das Meer", das mich mit Ausnahme einzelner Betrachtungen garnicht anspricht. – Demnächst hoffe ich aber die Biographie von Curtius geliehen zu bekommen. – Am vorigen Sonnabend kam Frl. Koelle schon wieder mal, um mich einzuladen, und da ich Hedwig Mathy erwartete, wollte ich wieder ablehnen. Aber sie fragte dann nochmals nach, ob mein Besuch gekommen sei und nahm mich mit, als sie mich allein fand. Es war dann doch recht nett. Ich war seit dem Tode von Schoepffers
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| nicht mehr dort im Haus gewesen.
Heut bekam ich endlich mal Nachricht von Norbert Matussek, der sich anscheinend schwer in Tübingen eingewöhnt und sehr in der Arbeit steckt. Er wohnt Tübingen – Lustnau, Pfrondorfer Str. 40. – Ich soll ihm raten, ob er bei Dir einen kurzen Besuch machen solle? Er fürchte zu stören. – Er hat vermutlich von mir manchmal davon gehört, wie Du überlaufen wirst, darum sage mir, was ich ihm empfehlen soll? Ich würde ihm gönnen, Dich zu sprechen, aber ob er sich unbefangen geben würde?
Ein sehr stilles kleines Erlebnis muß ich Dir doch auch noch berichten. Vor einigen Tagen erklang vormittags auf der Straße ein Lied, geblasen mit wunderbarer Reinheit und mit Gefühl; ich dachte, was mag das für ein Mensch sein, der bei der Kälte um Pfennige so schön musiziert, und paßte ihn [über der Zeile] am Fenster ab, als er am Haus vorbei ging, mit einem Papier, darin 2 Groschen!
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| Er blickte herauf und ehe er die Straße verließ, blies er noch ebenso klar und schön: Lobe den Herren – –, da schämte ich mich, denn ich hatte doch eigentlich nur sein Können gelobt. Aber es war doch schön. –
Und noch etwas. Frl. Specht, die Schwester des Leipziger Theologen, der mit der ganzen Familie einem Bombenangriff zum Opfer fiel, hat mir ein Büchlein altjüdische Legenden geliehen, die in ihrer knappen Form ergreifend sind. Eine Weisheit, deren Ethik weit über das: "Auge um Auge".. hinausgeht.
Doch jetzt will ich den Brief wieder in den Kasten bringen, damit er morgen um 7 Uhr mit der Post fortgeht. Schreibe mir doch, bitte, wann er bei Dir eintrifft, ob noch am 4.II.? Sonst lohnt es nicht, daß er heute noch aus dem Haus kommt. Auf alle Fälle aber bring er Dir viele innige Grüße und Wünsche für Dein Wohlbefinden. Dasselbe richte, bitte, auch Susanne und Ida aus. In stetem Gedenken
Deine Käthe.