Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Februar 1954 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 14.II.1954.
Mein einziger Freund!
Der Tod von Meinecke hat auch mich betrübt, weil ich weiß, wie freundschaftlich nahe er Dir stand. Persönlich habe ich ihn nicht gekannt, obgleich ich schon in meiner Jugend von ihm hörte, durch Hanna Virchow, die die Freundin seiner Gattin ist. Diese Ehe hat weit über die goldene Hochzeit hinaus gedauert, und es wird für die Frau unsagbar schwer sein, nun noch weiterzuleben. Aber ihm ist die Ruhe zu gönnen.
Für Dich aber wünsche ich, daß sich Dein Leben doch endlich immer mehr zu einer befriedigenden Arbeitsstille gestalten ließe! Sehr dankbar bin ich, daß Du Dich jetzt keinesfalls bereden läßt, in die selbstgeschaffene Lücke der unbesetzten Lehrstühle einzutreten. Denn woher kommt
[2]
| denn dieser Mangel? Gibt es tatsächlich keinen Nachwuchs? Oder waren persönliche Rücksichten störend? Und jetzt ist gerade Euer – d. h. unser! Ministerpräsident krank, der könnte sonst vielleicht eine Anregung geben. Es liegt doch im Interesse des Staates, Tübingens Bedeutung zu erhalten. Es hatte doch eine so schöne Blütezeit, nicht zum mindesten durch die rechtzeitige Vermittlung von Heuß, die Dich zu dieser Wahl veranlaßte.
Daß unser Bundespräsident sich über Deinen Beitrag zur Festschrift besonders freute, verstehe ich gut. Auch mir berührte es das Herz mit der warmen Darstellung der möglichen Ausgestaltung dieses problematischen Amtes durch persönliche Würde und Einsicht. Den Süddeutschen steht er ohnehin menschlich nah!
[3]
|
Also Wenke ist nun definitiv entschlossen fortzugehen. Verspricht er sich dabei so große Chancen? Wie aber soll Ersatz für ihn im Tübinger Amt geschaffen werden, wenn er für die Zukunft weiter darauf Beschlag legt? Derartige Entschlußlosigkeit ist wohl auch ein Symptom unsrer gegenwärtigen unsicheren Lage. – Sind die vielen Sitzungen in dieser Angelegenheit denn von positivem Nutzen? Hast Du als Emeritierter entscheidenden Einfluß? Oder würdest Du lieber mit dem König von Sachsen sprechen: Macht auch etc.?
Da ist doch wohl die Tagung in München erfreulicher? Hoffentlich klappt es auch mit Deinem Besuch bei Frau Kerschensteiner. Die alte Kunststadt würde ich doch auch sehr gern noch einmal wiedersehen. Aber es wäre wohl damit ebenso wie mit unserem Berlin. – –
[4]
|
Wenn Du keine Zeit hast zu schreiben, mache Dir keine Sorge, ich würde ungeduldig. Hie und da eine Karte mit der Meldung, es ginge Dir gut, das wäre schön! Dein lieber Brief v. 12. hat mich aber doch sehr gefreut, nur ist er leider etwas müder Stimmung.
Unruhig war es übrigens auch hier. Die Kinder im Haus haben in raffiniertem Abstand die Masern absolviert, und dabei wurde täglich der Tod des Großvaters im Odenwald erwartet. Nun kam am Freitag um 8 Uhr der dortige Sohn hier mit einem Auto in großer Aufregung, um das Ehepaar Wüst zu Bestattung zu holen. Denn die telefonische Nachricht war auf noch ungeklärte Weise am Mittwoch vormittag nicht hier abgegeben. So kamen die beiden als die einzigen auswärtigen Kinder gerade noch um 10 Uhr zurecht zur Beerdigung!
[5]
| Gerade nur durch den Türspalt verabschiedete sich in größter Eile die Mutter von mir und ich versprach natürlich, nach den Kindern zu sehen. Sie würden abends wieder da sein! Es war nun für mich ohne jede Anweisung recht überraschend, und ich glaubte der Versicherung von Regina, sie dürften aufstehen. Wir wurden gut damit fertig, obgleich dafür natürlich noch nichts gerichtet war. Um Mittag kam Ingrid aus der Schule, eine bekannte Nachbarin hatte für die Kinder Essen gerichtet, und am Nachmittag waren alle bei mir im Zimmer, denn die beiden Kleinen konnte ich sonst nicht vor Temperaturwechsel hüten.
Als dann gegen abend die Mutter zurückkam, war sie sehr erschreckt, die Kinder außer Bett zu finden, denn es war zwei Tage vor der ärztlichen Erlaubnis. Da habe ich mir recht
[6]
| große Sorgen gemacht, es könnte den Kindern geschadet haben. Aber sie sind vergnügt, und wie es scheint ganz wohl. Möge es so bleiben. – An und für sich, war es sehr nett mit den Kindern, aber durch die ausgebliebene Todesnachricht eine verwirrte und überstürzte Sache für alle Teile. – So kam ich auch am Freitag nicht zum Schreiben und am Sonnabend war Arbeit liegen geblieben. Es geht mir übrigens durchaus gut und mein Zimmer scheint, da es so tüchtig geheizt wird, keine Spur feucht. Das Wetter ist ebenso wechselnd wie bei Euch, und außer dem üblichen Weg habe ich garnichts unternommen. Es wäre gut, wenn die Wetterpropheten nicht recht hätten und die Kälte jetzt ausbliebe, denn sonst würde ich für Deine Reise nach München besorgt sein.
Eigentlich hatte heut die Schneiderin zu mir
[7]
| kommen wollen, hat das aber auf Mittwoch [über der Zeile] und Donnerstag verschoben. Hoffentlich fällt die Sache gut aus. Es besteht dringender Bedarf. Also denke mal einen Moment mit Teilnahme an diese unerfreuliche Notwendigkeit!
Wie schade, daß Du gerade den 18. abreisen mußt! Da ist mirs wenigstens tröstlich für Susanne, daß sie Alpirsbach erreichbar hat. Grüße sie herzlich, und auch Ida.
Möge die Stunde mit den Studenten [über der Zile] am Sonntag Dir Freude gemacht haben. Sie werden eine Ahnung bekommen haben von Deinem unermüdlichen Streben, ohne das es keinen wirklichen Erfolg gibt. Ich denke immer an Dich mit treuen Wünschen.
Deine
Käthe.

[5]
|
<unklar, in welchem Brief dies beilag>
1. Brief Joh. 3.20.
"Damit werden wir unser Herz beruhigen: wenn unser Herz uns anklagt, dann ist Gott größer als unser Herz und weiß alles."
Der Satz ist mir wie ein Echo auf unsern Psalm. Mehr als ein Echo. Er gibt uns eine Ahnung davon, was es in der Tiefe heißt, von Gott gewußt zu sein.