Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Februar 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17.II.54.
Mein geliebter Freund!
Ich möchte Dich gerne in München ein wenig besuchen, aber augenblicklich seid Ihr noch in Tübingen beisammen, und es ist mir leider zweifelhaft ob mein Briefchen für Susanne noch rechtzeitig vor Eurer Abreise ankommen wird. – Diese Epistel wird auch wohl erst am Freitag bei Dir eintreffen, wenn ich sie morgen vormittag in den Kasten stecke. Heut ists dazu schon zu spät, da ich den ganzen Tag nicht schreiben konnte, weil – ich Schneiderei hatte! Die seit Jahrzehnten mir bekannte Frau Stumpf aus Wieblingen hat mir den unlängst mit Hedwig Mathys Hülfe gekauften Stoff zu einem Winterkleid gestaltet. Ob es Deinen Beifall haben wird? Ich hoffe ja, Du wirst es Dir in absehbarer Zeit mal
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| ansehen können, denn Du mußt ihm doch Deinen Segen geben! Aber glaube nicht, daß ich drängele – ich warte geduldig und in stiller Vorfreude. Jetzt werde ich aber nach München denken, für das leider wieder stärkerer Frost gemeldet ist. Der Name Deines Hotels ist mir von früher bekannt, ich weiß aber nicht mehr, wo es liegt. Ich hoffe, daß Du außer den Sitzungen auch angenehme und anregende Unterhaltungen haben kannst.
Ich war auch mal wieder bei Frl. Dr. Clauß, aber außer dem immer wohltuenden Eindruck ihrer Persönlichkeit kam dabei nicht viel heraus. Es ist ja auch nichts weiter los. Erzählen möchte ich Dir aber doch, daß ich doch ganz langsam etwas Fortschritte bei den Bewegungen fürs Haarmachen bemerke. Aber ich fürchte, wenn das wieder tadellos geht, daß ich dann kein Haar mehr auf dem Kopf habe.
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Nach dem Besuch der Sprechstunde, ging ich noch bei Elsbeth Gungert(-Wille) vorbei, die ich sehr lange nicht gesehen hatte. Da traf ich sie zu meinem Schrecken im Lehnstuhl mit der bekannte Schiene, die den Arm so ganz weit in die Höhe stellt. Natürlich auch den rechten Arm, und auch das Schultergelenk, übel gebrochen. Da meine Heilung ohne Gestell so gut verlief, sehe ich ihrer Lage mit Sorge zu, denn die Nebenschädigungen müssen bei dieser absoluten Ausschaltung leicht noch stärker werden. Es ja wirklich wie ein Verhängnis mit den Armbrüchen! — Da empfinde ich wieder mit großer Dankbarkeit, wie gut ich es bei diesem Malheur, die lange schonende Behandlung und die günstige Gestaltung der häuslichen Fürsorge habe. In wieweit die mangelnden Kräfte noch zu überwinden sind, oder ob sie als ganz natürliche Alterserscheinung
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| ertragen werden müssen –  – auf alle Fälle werde ich mich damit abfinden müssen. Du warnst mich vor anstrengenden Spaziergängen, aber davon ist ja überhaupt keine Rede. Ich bin überhaupt garnicht unternehmend und die Aussicht auf allerlei Besuche anläßlich des 25. macht mir förmlich bange. Umso mehr werde ich mich freuen, wenn Du einmal wieder kommen kannst. –
Meine Lektüre ist neben den Büchern Mose eben hie und da ein interessanter Aufsatz in der Zeitung. So z. B. eine Besprechung von "Das Werden der altägyptischen Hochkultur. Joachim Spiegel" – von Prof. Evers, der damit hinweist, daß der religiöse Gehalt im Pyramidenkult für uns an Wucht überhaupt nicht mehr faßbar sei. Wir halten für primitiv, was einfach stärker ist, als wir verstehen. – Eine Gruppe von Akademikern hat sich auf dem Schauinsland von Heidegger erklären lassen, daß die Technik des "Während" das "Gewährende" sei. Man hat ihm scheinbar sehr vernünftig erwidert — Aber nun wirst Du genug haben!! Also leb wohl, laß es Dir möglichst gut gehen, und verlange nicht, was die Zeit nicht hergibt – auch nicht von Dir selbst! <li.Rand> Es ist jetzt, mehr als Du weißt. Ich grüße Dich innig Deine Käthe