Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. März 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. März 54
Mein einziger Freund!
Die letzte Woche war recht unruhig und ich recht müde, darum ist der längst fällige Brief nicht geschrieben. Frau Wüst war verreist, und [über der Zeile] vorher die Schwiegermutter war hier, das störte alles den normalen Verlauf. Für mich gab es mehrmals notwendige Wege in die Stadt, das wirkt sich dann auch für den ganzen Tag aus. Denn die erwartete Zunahme der Kräfte, die mit der steigenden Sonnenwärme kommen soll, ist noch nicht recht fühlbar. – Wie mag es damit bei Dir stehen und wie vor allem augenblicklich bei Susanne? Ich denke sehr viel daran und hätte so gern mal darüber gehört. Wir hatten heut wirklich einen schönen Frühlingstag, und mein üblicher Weg auf der Panoramastraße
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| hatte ganz den Charakter eines Osterspaziergangs. Wann werde ich denn mal wieder "mit Euch Herr Doktor", spazieren können? – Ich habe weder den vereisten noch jetzt den getauten Neckar gesehen, denn ich bin gar nicht unternehmungslustig. In Folge meiner Faulheit bekomme ich weder Briefe noch Besuche. Nur die beiden Leseabende haben noch Bestand, und da hatten wir zu meiner Freude mit echter Anteilnahme von den Teilnehmern den "Unbekannten Gott" wieder gelesen. –
Damit im Zusammenhang habe ich im Verlauf des Winters mancherlei in mir durchlebt, und vielleicht reden wir mal davon.
Von Interesse ist mirs immer, wenn in unserer Zeitung etwas steht, was in Beziehung ist zu dem, was Du in Deinen Briefen erwähnst. So war gestern da ein (freilich schlechtes)
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| Bild von dem Kernphysiker Otto Hahn, zwischen dem ital. Ministerpräsidenten und dem russ. Luftmarschall. Selbst auf dieser undeutlichen Type spürt man, welch andren Geistes Kind dieser Mann ist! – Daß Butenandt fortgeht, ich glaube nach München?, wird für Norbert M. wohl auch eine Veränderung geben. Ich will ihm schon länger mal schreiben, aber in meinem Kopf ist entschieden ein dauernder Mangel, hoffentlich ist er nochmal zu beheben.
Außerdem ist ja wohl auf uns allen ein beständiger, unausgesprochener Druck. Ich las dieser Tage wieder das hübsche kleine Buch, das Susanne mir Weihnachten schenkte, von Eugen Gagarin, das die Seelenstimmung in einer ähnlichen Weltlage sehr fein empfinden läßt.
Von dem Zauberer Gottes aus Ostpreußen hast Du mir nichts erwähnt. Für mich, weißt Du hat eben Masuren von Jugend auf einen gewissen heimatlichen Ton.
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Ich würde mir so gern mal von Dir erzählen lassen, ob Du Deine Tätigkeit für das neue Semester recht nach Wunsch einrichten konntest? Wenn Du Dich wirklich nicht mehr in Anspruch nehmen lassen wirst, als Du Deiner physischen Kraft zutraust, dann wird es Dir sicher eine echte Freude werden. Und wie nötig ist Dein Wirken in dieser Tübinger Ebbe!
Frl. Ingold hat veranlaßt, daß wir, angeregt durch Deine Bemerkung über die Verschiedenheit der "Liebe", Platons Gastmahl lesen. Wie lebhaft steht da wieder unsere Platon-Lektüre in Freudenstadt mir vor der Seele! – Das Leben ist doch über alle Begriffe wunderbar. –  –  –
Mit herzlichen Wünsche gedenke ich Eurer und hoffe, daß man es ohne Besorgnis tun kann. Sage den anderen viele Grüße!
Alles Liebe und Gute von
Deiner
Käthe.