Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. März 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10.III.54.
Mein geliebter Freund!
Unsere Briefe haben sich gekreuzt, aber ich war froh, dadurch eher zu erfahren, daß der Grippeanfall von Susanne sich nicht verschlimmert hat. Es wird ihr etwas ganz Ungewohntes sein, daß ihr nun ein Schwächeanfall noch zu überwinden blieb. Es wird ihr kein Trost sein zu wissen, daß ich damit nun schon seit November zu tun habe. Aber ich bilde mir ein, es ginge doch auch damit allmählig besser. Also hat sie doch entschieden größere Chancen.
Daß die Forderungen des Lebens ebenso rücksichtslos mit Dir umgehen, ist hoffentlich nur vorübergehend, bis das Unerwartete und Außergewöhnliche geregelt ist. – Es war mir immer ein lieber Gedanke, daß Du den getreuen Wenke in der Nähe hattest. Natürlich
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| ist es begreiflich, daß er sein weiteres Leben nach Wunsch gestalten will, aber daß er mit dieser Halbheit der Erschließung Dir eine so unliebsame Aufgabe hinterläßt, ist rücksichtslos und empört mich.
Diese Situation ergab für Dich eine Ideenverbindung mit dem Anliegen von Dieter an mich! Und im ersten Moment empfand ich es ähnlich, denn es kam in einer etwas recht "sachlichen" Form. Aber denke doch, wie übel ihm das Leben mitgespielt hat, und man gönnt es ihm wirklich, nun endlich mal eine Art eigene Existenz gründen zu können. Inzwischen hat sich auch die Situation zwischen uns geklärt, und ich kann die Arbeit bis Ende des Monats auf wärmere Tage verschieben, auch hat er dort einen Spediteur, der monatlich mal nach Mannheim fährt, also die Sachen hier abholen kann, sodaß ich mit dem Transport nichts zu
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| tun habe. Er schrieb das nun alles in einem netten Brief und freut sich schon, vor allem auf den kleinen gelben Bücherschrank von seinem Urgroßvater.
Ich sehne mich danach, daß man nicht mehr heizen muß, denn es geht mir damit wie Dir mit dem Besuch von Louvaris (?): Ich kann garnicht nach Belieben über meine Zeit verfügen. Um 8 erscheint angeblich Frau W., es ist aber oft auch später, und manchmal komme ich erst nach ½ 9 zum Aufstehen. Das ist mir jetzt bei den hellen Tagen und auch den Kräften nach zu spät. Es ist dann rein garnichts mehr am Vormittag, und da ich überhaupt öfters mal gut tue, eine Ruhepause einzulegen, ist es wünschenswert, daß die Zeit außer Bett möglichst lang ist. Jetzt zieht sich der Tag immer mehr als erwünscht abends in die Länge.
Sehr wohltuend ist mir, daß es wirklich frühlingsmäßig geworden ist. Da ist mein
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| kleiner, täglicher Spaziergang wirklich eine Freude. Ob Du wohl eine Möglichkeit siehst, auch mal wieder mit mir zu wandern? Ich sehne mich danach! –  – Im Gegensatz zu dem Buch von Franke, das so Gegenwart-fern ist, lese ich eben mit Anteil ein Büchlein von Benz, der Briefauszüge von Jac. Burckhardt zusammengestellt hat, die wie ein Bild von heute anmuten.
Du willst mit Energie das Recht der eignen Lebensgestaltung wieder wahren, und so ähnlich war auch in mir eine Krisenstimmung. Ich will nun nicht an "Schonung" denken, sondern nach geregelter Tätigkeit streben. Möge es uns beiden nach Wunsch gelingen! Wann die Vorträge in Nürtingen und Bad Boll waren, stand nicht in unserm Blättchen auch nicht vo Louvaris. Vielleicht im Amerika-Haus? Es geht hier viel vonstatten wovon ich nichts weiß. – Sei innig gegrüßt, und grüße auch Susanne und Ida.
Immer Dein gedenkend, besonders am 12.III.
Deine Käthe.