Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. März 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22.III.54.
Mein geliebter Freund!
Dein lieber Brief vom 17.III. war mir eine Beruhigung darüber, daß Du nicht, wie ich fürchtete, auch die Grippe bekommen hast. Aber sonst war eigentlich nicht viel Erfreuliches darin. Allerdings schreibst Du, daß es Susanne wieder so gut gehe, daß sie im Haushalt tätig sein kann. Aber da weiß man doch nicht so sicher, ob das nicht einfach von der Notwendigkeit gefordert wurde. Freilich kann auch solch Zwang zuweilen hilfreich wirken. So will ich also hoffen, daß die gute Märzensonne Euch allen heilsam in die Fenster scheint. – Denn es ist doch
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| eigentlich gegen alle Vernunft, daß Du Dir drei Vorträge in eine Woche gelegt hattest, und Tücke des Objekts war es, daß Du da auch noch Prüfungen aufgeladen bekamst! Damit gibst Du mir kein gutes Beispiel, wie man eine Überanstrengung des Herzens vermeidet! Da solltest Du einmal meine grenzenlose –  – sagen wir: Schonung der Kräfte sehen! Aber ich kann nicht sagen, daß sie dabei zunehmen. Im Gegenteil, ich werde jetzt zu dem Prinzip der Übung übergehen!
Sehr wohltuend ist immer der kleine Bummel auf dem sonnigen Panoramaweg. Da habe ich gestern nach vielen Wochen einmal wieder den Speyerer Dom erkennen können; aber der grüne Abhang, auf dem wir damals am Tage der "Vertreibung" saßen, ist nicht mehr wiederzufinden, so bebaut
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| ist inzwischen die ganze Gegend. Im Laufe der Bedrohung lieber Erinnerungsstätten fiel mir gestern auch folgender Zeitungsartikel in die Hand. Da möchte ich mich doch gleich auch mit unterschreiben!! Es scheint so, als ob es eigentlich überall nur Verluste und Sorgen gäbe. Wie kam denn Christiane zu der Lungenentzündung. Ist sie sehr zart?
Denke Dir, ich habe jetzt auch Beziehung zu einer kleinen Christiane! Hermanns älteste Tochter Irmgard Lehbert, die durch die Behandlung des Dr. Evers von der Multiplen Sklerose befreit wurde, hat ein Töchterchen, daß sie mir mit diesem Namen sehr beglückt meldet. Möge die ganze Familie gesund bleiben! Denn der Vater hat eine schwere Tuberkolose nur eben ausgeheilt.
Der Brief, den Du mir da mitgeschickt hast, ist mir etwas unverständlich. Umso mehr, als mir Dr. Matussek von jenem Vortrag gerade schrieb, "wie die unmittelbare Rede
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| mit noch stärkerem Gewicht auf ihn gewirkt habe als beim Lesen hier. Und ich würde sicher meine Freude gehabt haben, an manchen treffenden und heiteren Formulierungen." War das nun der gleiche Vortrag? Weißt Du, wer diese ancilla philosophiae ist? Freilich betonst Du in hohem Maße die absolute Unsicherheit des Daseins "über dem Abgrund" aber Du wirst doch an jenem Abend nicht so gesprochen haben, als "lohne es sich nicht irgendwie". Vielleicht ist sie durch Deine Kritik der unphilosophischen Tübinger gekränkt oder beklagt Dich deswegen? Aber gut ist, daß sie Dir ein echtes Zeugnis Deiner lebenhelfenden Wirkung vermittelt. –
Es wird in Tübingen ebenso mildes Wetter sein, und ich hoffe, Du hast nach all der Unbill etwas Ruhe und Erholung gehabt. Unternimm lieber nur Wege, deren Dauer Du aus Erfahrung berechnen kannst. Möchte nun alles wieder in gewohnter Ordnung und Gesundheit <li. Rand> beisammen sein. Sei vielmals gegrüßt, und grüße auch Susanne und Ida.
<Kopf>
Wie immer
Deine Käthe.