Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. März 1954 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 26.III.54
Mein geliebter Freund!
Die Möglichkeit eines Zusammentreffens hier scheint mir immer mehr ins Ungewisse zu entrücken, und da will ich doch lieber mal "zur Feder greifen" und von dem hiesigen Einerlei berichten. Nach einigen wohltuenden Frühlingstagen ist es draußen stürmisch und naßkalt geworden, so daß ich Dich garnicht herbeiwünschen kann.
Da war mir die schöne Drucksache gestern ein tröstlicher Ersatz, für den ich Dir innig danke. Mir war die stille Lektüre am Abend wie ein Erlebnis Deiner Gegenwart. Schicktest Du mir diesen Vortrag als Antwort auf mein Gedenken an den 12.III., – oder war das wieder mal ein "Zufall"? – Es gingen mir dabei viel liebe Erinnerungen durch den Sinn,
[2]
| und das durchsichtige Gewebe der tiefen Lebensbeziehungen war in mir lebendig. Klein und unbedeutend ist meine Existenz, die jetzt so inaktiv dahin vegetiert, aber ich möchte mit niemand in der Welt tauschen! – auch nicht mit einer bedeutenden Frau, wie Marianne Weber, die mir immer unsympathisch war! (Und dies' Urteil trifft man öfters.) Dagegen spricht man mit warmer Teilnahme vom 80. Geburtstag von Maria Baum! Man rühmt ihre Logik und Sachlichkeit, aber "es stand dahinter doch ein ungemein warm schlagendes Herz" und sie zog den Entschluß, aus dem Staatsdienst auszuscheiden aus der Einsicht, daß eine lebendige, unmittelbar mit dem Menschen in Berührung stehende Arbeitsweise an unüberwindlichen Widerständen im Ministerium scheiterte". Eine flüchtige persönliche Begegnung mit ihr bei Frau Frobenius in Ziegelhausen machte mir auch einen sehr angenehmen Eindruck. – Schade,
[3]
| daß das damals auf der Reichenau nicht zum Ausdruck kam.
Am Sonntag werde ich nachmittags bei Frl. Seidel sein, in dem Heim auf das ich ja auch spekuliere. Dort hat die häusliche Leitung gewechselt und ich bin auf die Kritik begierig. Als Abstecher bei meinem täglichen Spaziergang mache ich kurze Besuche bei den Bekannten, aber am Dienstag ging ich mit Hedwig M. ins Siebenmühlental. Das war eine echte Erholung. So bemerke ich mit Dankbarkeit doch öfters eine gewisse fühlbare Zunahme an Kraft!
Jetzt erwarte ich nächster Tage die Durchreise von Erika mit der kleinen Tochter. Hoffentlich klappt das Wiedersehen am Bahnhof!
Vorgestern gab es am Panoramaweg hinter dem Hause von den anderen Mathys, wo wir mal zusammen Besuch machten ein großes Gartenfeuer, sodaß die Feuerwehr kam. Ich sah es mit dickem schwarzen Rauch beginnen und dann schlugen die Flammen höher als die alten Fichten rundum.
[4]
| Es ist eine so große Dürre, da greift das Feuer rasch um sich. Und der Grundwasserspiegel ist ungewöhnlich tief. – In der Zeitung steht, daß man bei Sipplingen eine Rohrleitung in den Überlinger See versenkt, um Wasser für eine Filteranlage zu pumpen. Was dazu wohl die Felchen sagen? Und was die Pfahlbauleute wohl denken würden? Die Welt ist doch sehr wunderlich! "so gestaltend – umgestaltend – zum Erstaunen bin ich da". Das demonstriere ich mir immer wieder an den Sternen im Kaleidoskop.
Für Gründonnerstag hat sich Dr. Matussek zum Leseabend mit Frl. Reinhard gemeldet. Da werde ich vielleicht direkt was von Euch hören. Wenn Wünsche helfen, dann habt ihr jetzt die Folgen der Influenza überwunden. Von Herzen wünsche ich Dir auch, daß sich die ungeruhsamen Pflichten erfreulicher auswirken, als Du dachtest. Und mute Deinen Kräften nicht Unnötiges zu, auch keine Reise nach Heidelberg. Denn ich kann ja nichts wollen, was Dir schadet. Bestelle die gewohnten Grüße, und bleibe gesund <li. Rand> und zuversichtlich in der Gewißheit Deines segenvollen Wirkens.
<Kopf>
Getreu
Deine
Käthe.