Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. April 1954 (Heidelberg)


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<S. 4 fehlt im scan , deshalb hier unkorrigiert>
Heidelberg. 11. April 54.
Mein geliebter Freund!
Nun ist schon Sonntagabend, und ich habe den gewohnten Weg bei herrlicher Sonne gemacht und die unaufhaltsame Entwicklung der Frühlingsblüte still genossen. Ich kann es nicht lassen zu bedauern, daß ich Dir Heidelberg nicht in dieser Üppigkeit zeigen konnte! Vielleicht war es aber eine Verkürzung [über der Zeile] bei der langen Reisezeit, daß Du die Tübinger Professorsleute trafest? Denn es war doch eine große Anstrengung, von morgens acht bis abends zehn Uhr! Ich bin Dir so von Herzen dankbar, und ich habe in den gemeinsamen Stunden mit Dir neue Kräfte gewonnen. Es war seelischer Sonnenschein! Ob auch für Dich?
Alles, was Du mir erzählt hast, konnte
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| ich abends mit Hülfe des Zettels, den Du mir ließest, mir in Gedanken wiederholen. Du wirst ja bemerkt haben, daß ich jetzt auch für Dinge, die mir am Herzen liegen, solche Gedächtnisstützen brauche.
Aber auch ohne das hätte ich gestern an Haigerloch gedacht und hoffe, daß Ihr eine schöne Fahrt und einen wirklich schönen Eindruck hattet. – Vermutlich hofft man, durch dieses bedeutende Bild den Besuch der Stadt zu heben. –  –
Sehr freundlich war es vom Himmel, daß er es, solange Du hier warst, mit vereinzelten Regentropfen bewenden ließ. Als ich aus dem Bahnhof trat, fing es an zu gießen. Aber es fiel mir zum Glück ein, an die Blumenstraße zu gehen, und da bekam ich die Elektrische bequem. Zu Haus besann ich mich noch rechtzeitig, daß
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| ja Frl. Reinhard kommen werde, und sie erschien mit einem Band Fontanescher Romane! Sie war für "Jenny Treibel", an das ich mich kaum noch erinnere, aber mir scheint, das alles ist nicht zum Vorlesen, jeweils zwei Stunden in der Woche!
Am Freitag abends mit Frl. Ingold allein, (da Frau Buttmi in Begriff ist, für 2 Wochen zu verreisen,) war es hübsch mit dem Symposion. Sie versuchte es erst mit ihrer modernen Übersetzung, aber wir entschieden uns doch wieder für Schleiermacher. Man hat mehr das Gefühl einer angemessenen Höhe der Sprache.
Am Sonnabend mußte ich vormittags auf die Bank und überhaupt verliefen die Tage mit allerlei Geschäftigkeit. Und im übrigen bin ich bemüht die Spannkraft und stille Freudigkeit, die Dein lieber Besuch in mir neu belebte, auch festzuhalten und womöglich auch zu betätigen. Ich brauche ohnehin für alles die doppelte Zeit wie früher.
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Sei, bitte, so geduldig, mir immer die Daten für die Vorhaben, von denen Du mir sprachst, gelegentlich wieder mitzuteilen. In meinem Kopf haben immer Zahlen schwer gehaftet, und das wird immer schlimmer.
Und nun laß Dir noch einmal innig danken, daß Du wiederkamst und mir von der Welt erzähltest, die Dich umgibt.
Als wir neulich beim Kümmelbacher Hof vorüberfuhren, empfand ich recht deutlich, daß mir dort nur der Balkon und Dein Kommen von eigentlichem Wert waren. Das andere mußte ertragen werden! Aber es war nicht schwer durch Deine treue Hilfe. Jetzt aber möchte ich den Spieß umkehren können und Dir helfen, mit Zuversicht das Maß der Anforderungen Deinen Kräften anzupassen. Mit welcher Überlegenheit wirkt da heute wieder der Rundfunk-Vortrag!
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| Ich konnte ihn bei Buttmis hören, denn er und die Tochter sind zu Haus. Bei Familie Wüst ist ja auch ein Apparat, aber da ist immer Unruhe, und seit der Anwesenheit der kranken Mutter auch allerlei Besuch. – Was Du davon sagst, daß viele Menschen heut nicht mehr Zeit haben, mit sich selbst zu verkehren, ist wohl schon seit langer Zeit immer schlimmer geworden. Panem et circensem war ja Prinzip! Man fragt sich nur jetzt mit Sorge, wie soll das gebessert werden? Diejenigen, die sich die Zeit nehmen, Deinen Vortrag zu hören, verstehen die Mahnung, auch wenn sie ständige Rundfunkhörer sind. Auch die Arbeitshast verhindert die innere Ruhe. Das empfinde ich oft an Frau Buttmi. Es ist wie ein Zeit-Schicksal. – Und nun: ganz persönlich laß Dir sagen, daß ich es wie
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| ein ganz unverdientes Glück empfinde, daß ich von jeher meinen Umgang wählen konnte. Und ebenso, daß ich in einem so weltfernen Familienkreis aufwuchs, in dem ernste Selbstkritik üblich war. Du sagst mit Recht, daß das durchaus nicht immer ein angenehmer Umgang ist. Aber als einziger Verkehr, wie es doch in den letzten acht Monaten überwiegend der Fall war, ist [über der Zeile] er einem schließlich monoton. Auch darum war es hohe Zeit, daß Du mal wieder zu mir kamst. Und so ist die stete beglückende Erinnerung, die in mir lebt, wieder neue Gegenwart. Denn trotz der einförmigen Außenseite spielt sich im Innern manch stiller Kampf ab, der sich an Dir orientiert, sich Maßstab und Ziel holt. Aber, mein liebes Vorbild, ich will Dich nicht mit großem Brief belästigen, denn
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| ich habe das Gefühl, daß die Einzelheiten nicht wichtig sind. Ich lasse nur das wunderbare Geschenk Deines Wesens in mir wirken, und wenn ich hören könnte, daß Du auch [über der Zeile] wieder mit den äußeren Bedingungen Deines Arbeitstages zufrieden sein kannst, wäre ich nur dankbar. Mach doch so lange wie irgend möglich Ferien, wirkliche Ferien, und laß die Unrast schweigen, daß bei Dir der "süße Friede" von dem Goethe spricht einziehen kann. Das ist keine Resignation, das ist Überwindung. – Wie froh war ich doch bei dem Ton überlegenen Humors mit dem Dein Vortrag begann, und dann trotzdem der Übergang zur ernsten Mahnung. Möchte das doch recht viele zum Nachdenken veranlassen. Bedenke, wie notwendig solch unermüdliche Mahnungen heute sind, die zu innerem neuen Aufbau wirken.
Darum sei auf der Wacht vor Überanstrengung, aber sorge Dich nicht unnötig. Und grüße die "übrigen"; in stetem Gedenken grüßt Dich
Deine
Käthe.