Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. April 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16.IV.54.
Mein einziger Freund!
Wenigstens einen Ostergruß muß ich doch an Dich schicken, wenn ich auch nicht sicher bin, daß er rechtzeitig in Deine Hände kommt. Ob der Aufenthalt in Überlingen über die Osterwoche stattfinden sollte? Ich weiß leider nur daß er mir mal wieder garzu kurz erschien, um zu einem Abklingen der inneren Spannung zu kommen. Freilich ist auch der Himmel nicht zum Gleichklang gestimmt, denn er ist in stündlichem Stimmungswechsel.
Gestern hatte ich die Freude, durch Matussek von Euch zu hören. (Vor allem war ich erfreut, daß er behauptete, der Katarrh von Susanne habe sich entschieden gebessert!) Ich hoffe, daß Ihr wieder solch guten Eindruck von ihm hattet. Hier war er auch wieder freundschaftlich mitteilsam wie immer. Über seine berufliche
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| Zukunft ist er aber noch im Ungewissen, denn vorläufig ist seine Stellung wie so viele ohne Bezahlung und das kann er nicht dauernd durchführen. Aber er hofft, es werde sich regeln. Sein hoher Chef, Buttenandt wird ja in Tübingen bleiben, bis das Institut in München gebaut ist. Seine Arbeit scheint ihn zu befriedigen, er habe Glück dabei gehabt. —
Wenn ich an den Zettel vom 8. April meine Erinnerung erforsche, dann ist doch einiges bei mir [über der Zeile] nicht mehr klar. So erinnere ich mich nicht, daß Du von Louis Ferdinand gesprochen hast?
Aber immer wieder kehren meine Gedanken zu Deinem Rundfunkvortrag zurück, und ich bedaure alle, die ihn nicht hören konnten. Denn die, welche ich darauf aufmerksam machte, alle waren verhindert. Statt dessen kamen mir unerwartet mehrere begeisterte Berichte zu: von Herancourts und von entfernteren
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| Bekannten. – Für mich war der Eindruck wahrhaft beglückend als ein echtes, geschlossenes Bild Deines Wesens. Du fürchtetest, es könne durch Kürzen der Aufbau gestört werden. Das habe ich nicht bemerken können. Hattest Du etwas zu vermissen? Wie wohltuend ist es, wenn Du so ohne gehässige Polemik die schweren Gefahren der gegenwärtigen Gesamthaltung in schonungsloser Wahrheit hinstellst. Möchte doch Dein Weckruf recht viele zur Besinnung und Mitarbeit aufrufen.
Wird der Vortrag gedruckt? Man fragt mich mehrfach danach! Es ist nun einmal so, daß Deine gedankenreichen Reden garnicht mit dem einmaligen Hören ganz erfaßt werden können, und man hat dann das Verlangen nach ruhiger Vertiefung in der Stille.
Gut war es, daß ich von vornherein das Angebot, den hiesigen Rundfunk-Apparat zu benutzen, nicht annahm. Es ist, seit die kranke
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| Großmutter hier ist, eine große Unruhe. Es kommen viele Besucher, und daneben spielen kritische Erbstimmungen, die mit lebhaften Verhandlungen ausgetragen werden. Ich höre direkt und indirekt mehr davon, als erfreulich ist! Wieviel private Sorgen bereiten sich doch die Leute noch neben dem allgemeinen harten Volksschicksal.
Erzählen aber möchte ich Dir noch, mit welch freudiger Zustimmung Norbert Matussek auf Deinen "Unbekannten Gott" eingegangen ist. Ich bilde mir ein, diesem Verständnis schon bewußt vorgearbeitet zu haben!
Hier schicke ich Dir auch die ziemlich aussichtslose Auskunft wegen der Wutachschlucht. Ob auch sie der Industrie zum Opfer fällt? Für mich bleibt sie ungetrübte Erinnerung wie auch so manche gemeinsame Wanderung auf Höhen der Natur und der Gedanken.   –   Gute und zufriedene Ostertage wünsche ich Euch, auch für Ida.
Mit innigen Grüßen
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Morgen, Ostersamstag bin ich bei Hedwig Mathy.