Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./29. April 1954 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 28.IV.54
Mein geliebter Freund!
Der Sonnenschein wird hoffentlich nun auch noch die nächsten Tage vorhalten! Es ist hier meine beständige Freude im Gedenken an Eure Ferientage. Vielleicht lockt er doch noch möglichst viele Blüten hervor und verlockt Euch zu möglichst bequemen Unternehmungen.
Über Deinen lieben Brief habe ich mich sehr gefreut, nur daß Du Schmerzen im Knie hast, gefällt mir nicht. Man weiß bei solchen Sachen nie, ob Ruhe oder Bewegung heilsamer ist. Bei mir ist durch beharrliches stilles Üben doch erhebliche Besserung festzustellen. – Augenblicklich wird Dir aber wohl Sonne und mäßige Bewegung dienlich sein. – Das Experiment mit dem Fortlassen
[2]
| des angenehmen Herzmittels wirst Du ja mit Sorgfalt beobachten, und nach Bedarf regulieren. – Dein Gedenken an die gemeinsamen Stunden an jenen wunderbar schönen Ufern ruft auch m

29.4. da klingelte es gestern, und die Erfurter Schwester von Frau Frobenius kam und erzählte von der alten Mutter, die nicht mehr imstande ist, herzukommen. Sie blieb, bis das Essen kam, und dann mußte ich das Zimmer richten für den Kaffeetisch mit Gisela Geßner und Tochter Heike, die sich angesagt hatten. Sie machten hinterher noch meinen üblichen Spaziergang mit mir, denn für weitere Führerdienste zu Heidelberger Reizen war ich nicht fähig. – Eigentlich hatte ich zu dem Kaffee auch Hannelore Winterfeld erwartet, die tags zuvor angekommen war, von mir von der Markscheide zu Doktor Blesken's geleitet war, wo ich für sie Notquartier besorgt hatte bis sie eine "Bude" haben würde. Sie kam dann
[3]
| zu mir, aber lehnte Mittagessen (in der Rose!) ab, sondern ging gleich ins Englische Institut, wo sie Adressen zur Nachfrage bekam. Nach einigen vergeblichen Versuchen fand sie aber in Neuenheim, ganz nahe ihrer Arbeitsstätte ein großes, hübsches Zimmer, das die Wirtin eigentlich selbst bewohnen wollte, drei Treppen hoch mit schönem Blick auf die Bergstraße mit Morgensonne! Sie ist, wie ich damals an der Marktscheide, vor allem begeistert von der freien Aussicht, gefällt mir überhaupt ganz gut. – Nun holte sie gleich ihre zwei schweren Koffer dorthin und so war die ganze Mühe mit dem vorläufigen Quartier umsonst! – xWir haben nun für den Samstag verabredet, uns am Kornmarkt zu treffen, dann Bergbahn evtl. Schloß oder Molkenkur Spaziergang abwärts. Denn ich bin, wie Du, nicht fürs Steigen. [li. Rand] x das wird nichts. Es ist ja der 1. Mai!!
Denn eigentlich bin ich Patient. Schon Freitag, d. 24. fühlte ich mich fiebrig, Samstag ging es besser, aber am Sonntag kam ein "hahnebüchener" Schnupfen zum Ausbruch, sodaß ich an der frohen Feier für Tochter Inge Wüst nun doch nicht teilnehmen konnte.
[4]
| Aber das vorzügliche Kindtaufsessen schmeckte mir auch in meinem Zimmer sehr gut, wie überhaupt der Appetit nie nachläßt!! Ich fühle mich aber kränklich und bleibe möglichst in Ruhe. —
Gisela Geßner, die sehr familieneifrig ist, brachte ein Buch mit von Hippel: Kreuz- und Querzüge des Ritters A-Z. – Ich glaube nicht, daß ich mich damit befassen werde, es beginnt mit gewaltsamen Witzen in Jean Paul'scher Art, die ich nicht leiden kann! — Vorher habe ich mir den "Grünen Heinrich" vorgeholt. Der Anfang mit der unbegreiflichen kindlichen Gewissenlosigkeit regte mich so auf, daß ich zunächst mal abbrach. Aber später habe ich mich eingelesen und viel dabei zu denken gehabt, doch ist mir die burschikose Art, wie er oft über ernste Fragen spricht, (besonders religiöse) unsympathisch. Aber es ist wohl eine gute psychologische Widergabe seines damaligen Standpunktes. – Aber schön ist es, wie sich das alles dann menschlich rundet.
[5]
|
Draußen, auf den Häusern gegenüber, ist wundervoller Sonnenschein und das läßt mich hoffen, daß es bei Euch ebenso sei. So sind meine Gedanken trotz aller Hindernisse Gegenwart doch immerfort bei Dir in der unvergänglichen "gemeinsamen Bodenseewelt". Es überstrahlt sogar die Eindrücke der Berichte aus dem Dachsteingebiet. Denn Du wirst Dir denken, wie tief das mich immer von neuem erschüttert. Wie mir alle Einzelheiten jener ratlosen Zeit des Suchens wieder lebendig werden. Ich möchte den seelischen Zustand von damals vergleichen mit dem physischen, als mir neulich der Boden plötzlich unter den Füßen verschwand. Jetzt gehe ich mit ruhiger Sicherheit wieder über die Treppe, aber die Wunde von damals schmerzt bei der leisesten Berührung. Und doch hatte ich es gut, gegen die Geschwister, die so früh den Einfluß
[6]
| des Vaters verloren. Das erklärt ja auch vieles im Wesen meines Bruders.
Erzählen muß ich Dir noch, wie hilfsbereit sich Frau Wüst immer wieder annimmt. Am Sonntag, als die Gäste (16 Personen) fort waren, kam sie noch spät zu mir und fragte nach meinen Befinden. Sie brachte mir noch Tropfen für die Nase und rieb mir die Brust mit "Mediment", das durch lebhafte Wärme wirkt, wie ein Zugpflaster. Beides hat mir entschieden geholfen, und schon die Fürsorge tut wohl. Dabei hat doch die Frau enorme Arbeit mit der Vorbereitung zum Fest, dem Umräumen des Zimmers, den drei sonntäglich geschmückten Kindern, der Großmutter im Bett und dann nun auch noch Mühe für mich. Du siehst, daß ich den guten Kern in der rauhen Schale doch richtig erkannte.
Jetzt hoffe ich, daß Dich dieser Brief zuhaus empfängt. Da hast Du vielleicht noch ein wenig Zeit für die lange Epistel. Hoffentlich seid Ihr beide wirklich etwas erholt und das Zimmer strahlt in neuem Glanz. Herzliche Grüße an alle hilfreichen Geister, und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner Käthe.