Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Mai 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2.Mai 1954.
Mein geliebter Freund!
Der letzte Brief war noch kaum im Kasten, als mir einfiel, daß ich versäumt hatte, Deine Frage nach der Behandlung mit dem Radiumlack zu beantworten. Ich hoffe, daß Du daraus den Schluß gezogen hast, daß die Sache nichts auf sich hat. Ich werde morgen, Montag, wieder zum Arzt gehen, und glaube nicht, daß ich nochmals "lackiert" werde. Die harte Stelle hat sich, wie es scheint, ganz eingeebnet. — Statt dessen habe ich mich mit einer kleinen Grippe herumgeschla­gen. Es fing Freitag, d. 23., an, sodaß meine Teilnahme an der Familienfeier ausfiel. Dann traf Hannelore Winterfeld ein, die ich zunächst zu Bleskens dirigiern mußte, die aber dann ganz geschickt und energisch ein nettes Zimmer
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| suchte. Ein Verabredung mit ihr für den 1. Mai zu einem Spaziergang mußte ich absagen, da bei mir starker Husten und Stirnhöhlenkatarrh etwas Fieber verursachten. Schon am Donnerstag als Norbert Matussek unerwartet mit Frl. R. zum Lesen kam, hatte ich zweimal den abscheulichen Stimmritzenkatharr gehabt, der schon seit Jahren nicht mehr vorkam. Dr. Matussek war in seiner bekannten Hilfsbereitschaft so freundlich, mir ein Rezeptx [li. Rand] x Chloroformoel in Alkohol von 1939! in der Apotheke wieder holen zu lassen, und das bewahrte mich vor weiteren Anfällen, vor denen ich mich fürchte. Von da blieb ich dann zwei Tage im Bett und bin erst seit heute mittag wieder aufgestanden. Mein Schlaftalent läßt die Zeit merkwürdig rasch vergehen, und ich hoffe mit dieser langen Ruhe die immer so große Müdigkeit überwunden zu haben. Im Hause habe ich nach wie vor bereitwillige Versorgung und habe es also so gut wie möglich. – Wenn die Witterung am Bodensee ebenso
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| haltbar war wie hier, dann ist Eure viel zu kurze Ferienzeit wenigstens vom Wetter begünstigt geblieben, und ich hoffe, daß Ihr doch erholt durch erfreuliche Eindrücke heimgekehrt seid. Hast Du jetzt Freude am schön hergerichteten Zimmer? Ich wollte nur, ich wäre auch schon so weit! Aber vorläufig habe ich garkeinen Arbeitstrieb, und leider lasten immer noch recht üble Briefschulden auf meinem Gewissen.
Auch gelesen habe ich außer der Zeitung so gut wie nichts. Mit dem "Grünen Heinrich" bin ich recht versöhnt zuende gekommen. Den Hippel, der ja ein s. Z. viel Gelesener gewesen sein soll, kann ich mich nicht befreunden. Da habe ich zum Trost ein wenig im Goethe-Kalender geblättert und bin wieder auf das "ewig Eine" gestoßen, "das sich vielfach offenbart" –  – das ist nicht nur ein Spiel, sondern unversiegliche Lebenskraft, die sich tröstlich kund tat, auch für das geistige Leben! Auch wo wir die Zerstörung sehen, bleibt sie "so gestaltend, umgestaltend" – –
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Ein Beispiel scheint mir die energische Art, wie der hiesige Jurist und Rechtsphilosoph, Prof. Dr. Eberhard Schmidt für das Urteil des Bundesgerichtshofes gegen den amerikanischen Lügendetektor eintritt. Habt Ihr darüber auch gelesen?
Doch ich möchte, daß dieser Brief morgen früh mit der ersten Post fortgeht, denn eigentlich sollte er schon längst geschrieben sein. Er bringt viele herzliche Grüße mit für alle drei Hausgenossen und den Wunsch, recht bald einmal wieder Gutes von Euch zu hören.
In stetem Gedenken
Deine
Käthe.