Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Mai 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Mai. 54.
Mein lieber einziger Freund!
Unsere Briefe hatten sich gekreuzt, und Du hattest also gleich die Antwort, daß mein Katarrh erfolgreich bekämpft war. Nun ist inzwischen wieder eine Woche vorüber, und ich habe jeden Tag irgend eine Verpflichtung erledigen müssen, sodaß ich garnicht weiß, wo die Zeit geblieben ist! Da kam die Nachricht, daß Frau Héraucourt in der Augenklinik ist, da kam die "Großnichte" schon zweimal mit Blumen und blieb dann natürlich zum Kaffee, da kam Lieschen Schwidtal, mit der ich am Bahnhof zu Mittag aß, etc. etc. – und schließlich, da ich ja doch in der Stadt war, ging ich auch in die Sprechstunde zu
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| Frl. Dr. Clauß, um mir eine Hustenmedizin verschreiben zu lassen, da der Reiz im Kehlkopf nicht nachlassen wollte. Damit ist es nun entschieden gebessert und wird so schnell vorbei sein, daß es mich eigentlich reut, sie bemüht zu haben. Etwas, was viel notwendiger gebessert werden müßte, ist mein Kopf, der sich oft auf die nächsten Dinge nicht besinnen kann.
Heut will ich aber unbedingt noch ein paar Zeilen an Dich schreiben, damit Du am Montag früh einen Gruß hast. Für die "übliche Sendung" danke ich Dir sehr herzlich, und ebenso für den lieben Brief. Aber es schmerzt mich, daß Du Dich über meinen Bericht von dem Katarrh so beunruhigt hast. Ich möchte Dich bitten, dergleichen nicht so
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| wichtig zu nehmen. Sonst kann ich ja nicht mehr unbefangen und ehrlich von jeder kleinen Störung von Befinden und Stimmung zu Dir reden, wie ich doch versprochen habe und wie es mir Bedürfnis ist. Denke nur immer, daß ich eine ganz unerhört gute Natur habe, die garnicht unterzukriegen ist. (Alle möglichen kleinen Schäden sind ja in meinem Alter einfach selbstverständlich.) Ich wollte nur, ich könnte Dir davon abgeben, denn Du bis in jeder Art viel mehr geplagt als ich.
Gestern war also Direktoratsübergabe. Welche Fakultät ist denn nun an der Reihe? Wird Wenke sofort nach Hamburg gehen? Hat er mal eingehend mit Dir über die Gründe zu seinem Entschluß mit Dir gesprochen?
Daß Nieschling mit dem Erfolg der Operation zufrieden sein kann, freut mich sehr. Ich habe
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| früher gehört, der Grüne Star sei nicht zu operieren.
Daß die Kronprinzessin Cäcilie gestorben ist, war wohl der Abschluß eines recht schweren Lebens. Du sahst sie ja nochmal bei der Überführung der Hohenzollern-Särge in Hechingen.
Durch Zufall kam ich gerade beim Schreiner Viktor dazu, wie im Radio die Trauerfeier für die Opfer am Dachstein übertragen wurde. Nicht einer der Redner unterließ, die Mahnung zu betonen, die erschütternd aus diesem Ereignis redet. Das war auch mein erstes Gefühl bei der schrecklichen Nachricht, denn ich dachte, die Einsicht in die Gefahr der Berge sei jetzt ganz allgemein. Ob man die drei Vermißten noch finden wird? —  —
Im Anschluß an Burckhardt lese ich abends jetzt Meinecke: die deutsche Katastrophe; es gibt mir zu denken, daß dieser die moralische Ursache, die nach B. mitwirken soll, abzulehnen scheint. <li. Rand> Doch da will ich noch mehr zu verstehen suchen. Heut aber nur noch <li. Rand S. 3> viel herzliche Grüße anfügen. Mit dem Wunsch, daß der zunehmende <li. Rand S. 2> Frühling Dir warmen Sonnenschein ins lichte Zimmer schickt, <li. Rand S. 1> und daß Du Dich ebenso sehr wie ich an dem zauberhaften Grün der Wälder erfreust, bin ich in immerwährendem Gedenken Deine Käthe.