Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./13. Mai 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12.V.54.
Mein geliebter Freund!
Wie mag es Dir gehen bei diesem plötzlichen Übergang zur Wärme? An sich wäre der Umschwung wohl erwünscht, aber hier ist es folglich wieder dauernd schwül. Und meine Schlafsucht wächst ins Grenzenlose. Dabei waren die Tage so voll Abwechslung, daß ich garnicht mehr weiß, was und wann ich Dir zuletzt schrieb? Auf alle Fälle aber weißt Du noch nicht, daß mich am Sonntag, d. 9. Gertrud Kohler in aller Frühe überfiel, um mich dann mitzunehmen zu einem Treffen von einigen Gesangvereinen aus der Gegend, bei dem auch Otto und Tochter Bärbel teilnahmen. Es war mir eine Freude, die lieben Leute wiederzusehen und ich lernte auch Heidelberg neu kennen, da die Sache
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| im "Haus der Jugend" stattfand, von dem ich bisher noch keine Notiz genommen hatte. Es liegt zwischen Neu-Amerika und dem künftigen Bahnhof. Als wir dorthin kamen, war das Programm noch nicht fertig, und ich hörte noch das jubelnde Lied: "Es brechen in schallendem Reigen die Frühlingsstimmen los" – aber das war beinahe zuviel für meine Nerven. —
– Sie nahmen mich dann mit zum Essen in ein kleines Gasthaus in der Rohrbacher Straße, doch war die Unterhaltung nicht so ergiebig, weil eine Lehrersfrau sich angeschlossen hatte, die das große Wort führte. Doch fing Otto dann doch mal an über die Hamburger Aufgabe von Wenke zu sprechen, und daß man auf ihn, als Deinen Schüler hoffe, daß er die geschlossene Entwicklung des Hamburger Schulplanes weiter führen werde. Das war so eine kurze Zwischenbemerkung, von der ich ja nichts Näheres verstehe.
Später gingen wir noch bei herrlicher Sonne über den Friedhof, von dem sie sehr entzückt sind.
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Abends war dann noch Hannelore W. bei mir, die ich tags zuvor mit Elektrischer und Bergbahn aufs Schloß befördert hatte – zur Orientierung. Ich rede ihr aber immer sehr zu, jugendlichen Anschluß zu suchen, denn ich bin ja nicht Fremdenführer. Beim Runterweg auf der alten gepflasterten Straße unterhalb des Altans, als wir gerade eine Tafel studierten, die von dem Alter der Straße meldete, kam ein älterer Herr uns, schwer atmend, entgegen und erläuterte uns umständlich die Schutzmauern, die für die Stadt das Abbröckeln der Schloßbauten abfangen sollten. Er nannte sich den Dezernenten für Baudenkmäler, und Lehrer für die Fremdenführer; ich suchte ihn im Adreßbuch dann nach: Prof. Dr. Mittermeyer. – Das ist eine alte, bekannte Familie, von der ich schon direkt und indirekt hörte.
Am Freitag war Lieschen Schwidtal einige Stunden da, auf der Reise nach Leonberg zur Familie des Bruders. Wir tranken dann bei mir den Kaffee, und nach ihrer Abreise ging ich dann zu Frl. Dr. Clauß in die Sprechstunde, die mir Husten
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|tropfen und Tee verschrieb und sonst meine Behandlung als richtig befand. Ich habe ja überhaupt kein richtiges Fieber gehabt, nur erhöhte Temperatur zwischen 37 u. 37,8.
Unternehmungsgeist habe ich aber garnicht. Nur wenn ich an den Häusern gegenüber die helle Sonne sehe, lockt es mich aus dem Haus; doch bin ich immer nach kurzer Zeit schon wieder geneigt umzukehren. – Am nächsten Freitag, also übermorgen, wird Hedwig Mathy zu mir kommen, darauf freue ich mich. – Kohlers haben mich sehr lebhaft eingeladen, aber ich habe erst dauernd gutes Wetter dafür verlangt! Ich wollte auch, die Möbelsache mit Dieter wäre erst erledigt. Es scheint mir, als ob er gern endlich eine seßhafte Existenz gründen möchte, "er arbeite mit einem Praktiker zusammen" und schrieb von einer Sprechstunde. Es wäre ja ein Glück, wenn der arme Mensch einen regulären Arbeitskreis fände. Ich habe ihm zugeredet, mir doch mal seine Situation etwas näher zu beschreiben.

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Am 13. Mai. – Zunächst mal sehr herzlichen Dank für Deinen lieben, überraschenden Brief, der mich besonders erfreute, durch eine im Grunde befriedigte Stimmung und durch die frohe Aussicht, Dich wiederzusehen! – Das ist wieder ein überreiches Programm, das Du mir darlegst, und ich möchte Dir dazu möglichst wenig "Sorge", sondern stille Sicherheit des Gelingens wünschen!
Ich werde mir diesmal auch einen Zettel anlegen, um möglichst nichts zu vergessen von dem, was ich Dich fragen und Dir erzählen möchte. Teile mir dann nur vorher mit, wie und wo Du das Zusammensein am wenigsten anstrengend findest. Ich kann mich ganz danach richten.
Für morgen hat mir Hedwig Mathy leider abgesagt. Ihre Schwester ist krank geworden und braucht ihre Hülfe. – Mit meinen Spaziergängen war es nichts mehr, der Weg ist zu sonnig!
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Wegen der Verwandtschaft von Anna Weise und Familie Gontard weiß ich nur, daß sie eine Großmutter oder Urgroßmutter des Namens hatte. Sie sprach nie davon.
Und nun will ich noch zu Frau Héraucourt gehen, die als geheilt aus der Augenklinik entlassen wurde; aber dann gleich eine verheiratete Tochter zu Besuch bekam! So ist eben die Welt, auch die stillen Existenzen erleben beständig Überraschungen!
Möge es bei Dir, mein geliebter Freund, alles recht nach dem sorgsam gefügten Plan gehen und Deine Arbeit befriedigend gedeihen, wie ich es Deinem lieben Brief anfühle. Ob die "Volksschullehrermentalität" auch aus der Bemerkung von Otto Kohler spricht?
Ich grüße die "ganze Sippschaft" herzlich und hoffe, daß sie wieder ganz gesund ist. Mit steten treuen Wünschen bei Dir
Deine
Käthe.