Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Mai 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg., 26. Mai 1954.
Mein geliebter Freund!
Als Ihr am Sonntag abgereist ward, konnte ich mich nicht entschließen, in meine kalte Stube heimzukehren und fuhr zu Hedwig Mathy, bei der ich einen recht angenehmen Nachmittag verlebte. Und als ich dann abends zuhaus allein war und beizeiten zur Ruhe ging, erfüllte mich ganz das Glück und die Dankbarkeit für Deinen lieben Besuch! Ich habe nur die eine Sorge, daß ich Dich durch den Spaziergang zu sehr ermüdet habe! Ich hatte nicht bedacht, daß Du eben doch nach all der geistigen Anstrengung auch körperlich sehr ermüdet sein mußtest. Denn nach manchem Bericht von Euren Tübinger Ausflügen hätte ich diesen Weg nicht für groß
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| gehalten. –  – In der Stille ist dann allerlei von dem, was Du sprachst, wieder mir durch den Sinn gezogen, und ganz besonders das Wort von der Schwierigkeit mit der Theodicea. Vielleicht habe ich es darin leichter, weil mein Weg von der Unerbittlichkeit der Gesetze herkam, und dazu gehört ja auch das Tragische, das Unvollendbare, das den Menschen aufgegeben ist. Gerade daran wächst doch die Kraft der Überwindung, die uns unverhofft eine unzerstörbare Welt des Inneren fühlen läßt. Gerade da wird uns doch die Möglichkeit der versöhnenden Gnade bewußt. – Freilich ist für unsere Einsicht das äußere Geschehen nicht zu fassen, sondern der Sinn muß kämpfend erlebt werden. – Es ist ein sonderbares Ding um das Gleichgewicht zwischen Wissen und Glauben!
Mir aber ist das Schicksal gnädig gewesen, und dafür danke ich ihm – und Dir!
Deine
Käthe.

[li. Rand] Morgen, am Himmelfahrtstage, hoffe ich weiter zu schreiben – auch an Susanne.