Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./6. Juni 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Juni 1954.
Mein geliebter Freund!
Trotz der unliebsamen Störung war das Wiedersehen am 1. Juni durch Susannes Hilfe eine große Freude für mich. Ebenso wie am Sonntag, d. 22. fühlte ich Dir mit stillem Glück an, daß Du von guten, befriedigenden Erlebnissen kamst. Und nun hoffe ich, daß das gewohnte Arbeitsleben daheim auch weiter unter einem günstigen Stern stand. –  –
Für mich war dies Zusammensein wie immer eine Kraftquelle fürs Weiterleben, wie ich sie mal wieder recht nötig brauchte. Das Problem mit dem Altersheim hatte mir doch größere Unruhe gebracht, als ich Dir bei der Kürze der Zeit erzählen konnte, wie es eigentlich mein Wunsch war. Die Wider
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|standskraft meiner Nerven ist eben leider "nicht mehr weit her!" und ich beunruhige mich oft mehr, als Grund vorhanden wäre. So hatte bis zuletzt der Termin Eurer Durchreise mit dem Kommen von Lieschen Schwidtal zu kollidieren gedroht und dann kam auch wohl der Anspruch des Dr. H, "seine einzige noch lebende Patentante" zu sehen, wie er mindestens dreimal betonte – – und das alles in Fortsetzung der Heimaffäre – das war etwas viel so kurz nach einander. Aber es hat sich ja alles leidlich gelöst, und auch das Zusammensein mit L. Schw. war wirklich erfreulich.
Ich habe mich ins Unvermeidliche gefunden, da ich ja unvermögend war, es zu ändern, und glaube wieder die nötige Gelassenheit gefunden zu haben. Mit Frau Wüst führte ich eine freundliche Aussprache herbei, und sie wäre offenbar enttäuscht, wenn unser häus
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|liches Verhältnis sich ändern sollte. Sie ist offenbar damit zufrieden, und wir haben beide unsern Vorteil dabei.
Seit wann und wieso kennst Du eigentlich diesen Reichskunstwart Redslob? Mir war der Name [über der Zeile] ? früher nur bekannt durch ein Schild am Stockwerk unter der Wohnung von Lili Scheibe in Halle. – Deine Schilderung aus Alt-Berlin berührte mich heimatlich und liebevoll bekannt, und manches Straßenbild aus alter Zeit tauchte auf. Nur daß das Borchardtsche Haus einmal solch üble Bedeutung haben sollte, hatte ich noch nicht erfahren. Wie gern würde ich über manche Einzelheiten dieser Erinnerungsbilder mit Dir sprechen können, denn ich bin ja doch auch eine waschechte Berlinerin.
Vor einigen Tagen hatte ich gedacht, mal in der Hauptsache meine Briefschulden erledigt zu haben, nun haben sich von neuem welche auf
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| meiner Seele gesammelt. Da ist vor allem Hildegard Held, deren Mutter mir schreibt, daß die Tochter per Auto von Tübingen heimgebracht wurde, völlig erschöpft, wiederum nach chronischer Nahrungsverweigerung! – Von Hermann kam eine Denkschrift mit mancherlei Beiträgen von Lehrern und Schülern der Stolper Lessingschule, aus denen sehr treue Anhänglichkeit spricht. Ruge's schickten mir wieder eine Flasche Vialwein, und liebe Zeilen von meiner Schwester, mit Gedenken an den 3. Juni, Tantchens Geburtstag. –
Wir hier haben viel gewittrige Schwüle, und häufig vehemente Regengüsse, das drückt natürlich aufs Befinden, und meine Schlafsucht ist grenzenlos. Aber ich hoffe doch, mein Leben wieder etwas besser zu regeln. Heute nur noch "gute Nacht!"

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Pfingstsonntag, am 6. Juni 1954.
Da kam Dein lieber Gruß pünktlich wie immer und ich wurde gestern nicht einmal mit dem Schreiben fertig, obgleich doch meine Gedanken ständig unterwegs sind zu Dir. Habe Dank für Deine lieben Zeilen, die mir die fehlende Festsonne ersetzen und mir eine unerwartete Freude für den 12. Juni in Aussicht stellen. Schon die Absicht, mich mit diesem Plan über die letzte Verkürzung unseres Zusammentreffens zu trösten, tut mir wohl! Aber Du weißt ja auch, daß ich nicht unvernünftig danach verlange, weil ich alles begrüße, was Deine Kräfte schonen kann.
Am Donnerstag und Freitag waren die üblichen Leseabende und abends ist ja eigentlich immer meine beste Schreibezeit! Heut soll
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| ich wieder zu Frau Heinrich zum Kaffee kommen, aber sonst ist nichts der Art vor. Das ist mir eigentlich recht, denn es ist doch immer etwas verpflichtend, weil ich es nicht erwidere. Denn außer Hedwig Mathy habe ich nur Besuch, der freiwillig kommt, wie z. B. Hannelore, die sich per Karte rechtzeitig ansagte und die über die Pfingstwoche nach Hause fuhr. Aber Hedwig ist augenblicklich durch ihre kranke Schwester ganz in Anspruch genommen.
Das trübe Wetter wird Euch leider nicht ins Freie gelockt haben. Bei mir ist bis vorgestern immer noch zuweilen geheizt. Jetzt ist es ausreichend bei 17°R, denn die Ofenwärme ist einem gleich zuviel. Darum nun recht warme Grüße an alle, und Dir separat viel gute Wünsche für ein zufriedenes Ergehen.
In treuer Liebe
Deine Käthe.

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| <beigefügter Zettel>
Falls es Dir erwünscht ist, zu wissen:
das Büchlein ist für Frl. Emma Ingold,
Gewerbelehrerin.