Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Juni 1954 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 15. Juni 1954
Mein lieber, einziger Freund!
In einer Zeit der Unruhe und Bedrängnis war mir Dein unverhofftes kurzes Hiersein eine doppelte Wohltat. Äußerlich war es freilich etwas gehemmt, aber es gab doch tröstliche Momente vetrauender Mitteilung, die in mir still weiter wirkten. Immer wieder kehrten meine Gedanken zu dem entscheidenden Verzicht zurück, von dem Du berichtetest. Ich verstehe ihn in seiner Notwendigkeit, aber ich fühle auch, wie schwer es Dir geworden sein muß. Aber wenn Du auch nicht in der gewünschten Form an der "Unteilbarkeit Deutschlands" mitwirken kannst, so ist doch
[2]
| Deine ganze Lebensarbeit diesem Dienst gewidmet. Nicht eine "zündende Ansprache" hat die dauernde Wirkung wie Deine unermüdliche Mahnung, durch Wort und Beispiel deutsche Geistesart und Erbe lebendig und hoch zu erhalten. Diese bindenden Kräfte zu wecken und zu stärken, wirst [über der Zeile] Du auch weiterhin reiche Gelegenheit haben. Auch durch die lastende Korrespondenz gehen da unbewußte Bindungen von Dir aus. — Möge doch auch die offizielle Bewegung Erfolg haben!
Mich hat mein ungeschicktes Verhalten in der Heimangelegenheit doch recht bedrückt. Ich hatte wirklich den Wunsch, daß sich die Sache regeln möchte, aber die Plötzlichkeit der Entscheidung überwältigte mich. Meine Nerven waren durch allerlei Erschütterung mitgenommen.
[3]
| Noch jetzt kommt es immer wieder mit Herzklopfen über mich.
Gestern war der Besuch von Frl. Frobenius ganz erfreulich. Aus der Unterhaltung merkte ich, daß sie eigentlich recht einsam ist und daß das Verlangen, sich auszusprechen sie zu mir führte. Das hat sie dann auch getan, und ich konnte nur gelegentlich beistimmen. Obgleich dafür ja die Voraussetzung bei mir eine andere ist, war sie doch befriedigt und so war der Nachmittag nicht umsonst vertan.
Einige Zeit dazwischen kam auch Hannelore W. dazu, die jetzt den Unterricht im neugebauten Institut hier in der Nähe hat. Sie ist etwas skeptisch gegen dies "Englische Institut" geworden, das sie nur auf eine Announce hin gewählt hatte, und sehr rühmlich ist auch sein Renomme hier nicht.
Frau Buttmi soll jetzt Lichtbäder bekommen,
[4]
| die Ärztin nimmt die Sache offenbar ziemlich ernst. – Auch Hedwig Mathy ist noch recht in Sorge um ihre Schwester. So kann man wenig Freude an der Freundschaft haben.
Endlich scheint aber das Wetter sich zum Besseren zu wenden. Es war noch viel sehr wechselnd und teilweise von einer unerträglichen Schwüle. Möchte es doch in Tübingen etwas besser sein durch die Nähe der Alb.
Hoffentlich ist Dir jetzt einmal wieder ein etwas stillerer Tagesverlauf beschieden und Du fühlst Dich wohl dabei. Mir sagt man, ich sähe so wohl aus wie nie. Wenigsten will ich zu beweisen versuchen, daß dem auch die Kräfte entsprechen und fleißig sein.
Hatte Susanne Gutes von Alpirsbach zu berichten? Ihr und Ida herzliche Grüße. Und Dir, mein geliebter Freund, nochmals innigen Dank für alles, was mir Deine Gegenwart an echtem Leben schenkte, und viel gute Wünsche und Grüße von
Deiner Käthe.