Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17./18. Juni 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17.Juni 1954.
Mein geliebter Freund!
Heute hat hier der Tag mit dem Fronleichnamsfest begonnen, das von Jahr zu Jahr an Beteiligung zunimmt, wie ich von meinem Fenster an dem Altar in der Nebenstraße sehen kann. – Um 19,15 soll für den heutigen Gedenktag am Universitätsplatz eine Feier mit Musik, Ansprache und Fackeln sein. Dazu kann ich ja natürlich nicht hingehen. Aber ich erinnere mich ganz besonders der Stimmung damals, die wie ein Aufatmen erschien und die solch tragisches Ende fand. Diesmal ist das Bekenntnis zur Einheit unseres armen, zerrissenen Vaterlandes ein ruhigere Form, aber kann sie den ersehnten Erfolg haben? Sind ausschlaggebende Kräfte hinter dieser
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| geplanten Volksbewegung? Möchten doch keine Zwischenfälle sich ereignen, die zu neuer Unterdrückung führen würden. Wie sehnlich wünsche ich das, aber man hat den Glauben immer wieder enttäuscht gesehen.
Auch sonst bin ich mit mir nach den mancherlei Aufregungen nicht im Reinen, und fühle mich untüchtig. So ging ja auch die Entwicklung im Altenheim recht hastig über meinen Willen hin. Denn der Wunsch nach dieser Zuflucht ist recht groß, aber die Angst vor dem Transport war noch größer, und da sich zunächst eine begrenzte Verzögerung bot, schien mir das ein günstiger Umstand. Nun will [über der Zeile] ich aber das verworrene Gemisch meiner beweglichen Habe ganz gründlich sichten, damit ich im gegebenen Moment nicht behindert bin!
Diesen ganzen Winter bin ich in einem
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| ungewöhnlich passiven Zustand gewesen, wohl noch infolge des Unfalls. Aber die Erfahrung meiner Unzulänglichkeit in dieser Wohnungssache hat recht aufrüttelnd auf mich gewirkt und die beginnende Wärme belebt mich. Die Selbstkritik ist lebhaft und der Wille zur Besserung ebenso.
Am Sonnabend nach Deiner Abreise fragte ich noch bei Elsbeth Gunzert nach dem Befinden des ernstlich kranken Gatten der aber endlich auf dem Wege der Besserung zu sein scheint. Bei Frl. Dr. Clauß erfuhr ich, daß sie bis zum 1. Juli verreist ist; das war alles ganz nahe der Abfahrtstelle der Elektrischen. Abends ging ich ganz früh zu Bett und holte mir dazu das Heftchen der Blätter für Lehrerfortbildung, für das ich Dir in der Unruhe der verspäteten Ankunft garnicht recht gedankt habe. Dieser Aufsatz, "das Rätsel des Sokrates" war so recht die notwendige und wohltuende Lektüre für mich. Langsam, Abschnitt
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| für Abschnitt las ich ihn dann abends weiter, und nahm es ernst mit dieser Mahnung zu Selbstprüfung. Wie lebendig fühlt man aus Deinen Worten die ausstrahlende Kraft dieses wunderbaren Mannes, die aus so verschiedenen Geistern zurückwirkt, am vollkommensten aus Platos Dialogen. Und mir verbindet sich damit nun noch der unvergeßliche Eindruck den diese auf mich machten, als Du sie mir in Freudenstadt vorlasest. (1916)
Du schriebst einmal: "In der Gewißheit, die kein Wissen ist, liegt die wahre ethische Kraft." Ist dies nicht der Sinn des sokratischen Nichtwissens, dies "auf dem Wege sein"?

18.IV.   Zweimal bin ich beim Schreiben unterbrochen worden, und so kann ich jetzt nur diesen Brief rasch fortschicken, damit er Dir einen Sonntagsgruß bringt. Ich bin sehr begierig zu hören, wie in Tübingen der 17. verlief. Herzliche Grüße an Susanne und Ida, ebenso Dir mit vielen guten Wünschen für gutes Wetter ohne Gewitter. In stetem Gedenken
Deine Käthe