Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. Juni 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Juni 1954.
Mein geliebter Freund!
Bei der Ungewißheit, wann und wohin ich diesmal meine Glückwünsche für Dich schicken werde, ist es wohl am besten, sie gleich erst einmal für den Freitag zum Mitnehmen auf die Reise zu senden! Da möchte ich zunächst einmal, daß Dir die kleine Flucht vor dem anstrengenden Gefeiertwerden ein paar ruhige und frohe Tage im schönen Donautal mit Susanne verschaffen möchte, und daß damit das neue Lebensjahr einen guten und erwünschten Anfang nehme. Ich freue mich, und hoffe nur, daß dort die Gewitterschwüle nicht so lästig ist wie hier und in Tübingen.
Und wie Du damit die Last ehrenvoller Verpflichtungen zu erleichtern weißt, hoffe
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| ich, soll es Dir auch immer mehr möglich sein, aus der Fülle der beruflichen Verpflichtungen das wählen zu können, wie es Dir am meisten entspricht. Möge der Segen Gottes mit Dir und Deiner Wirksamkeit sein wie bisher.
Auch für mich! Wie herzlich danke ich Dir für Drucksache und Brief, die mir so tröstlich über die starke Nervenprobe hinweghalfen, die mir die Angelegenheit mit dem Heim gebracht hatte. Ob Du es gespürt hast, wie quälend der "Umgang mit mir selbst" war? Ich wußte garnicht mehr, was ich von mir halten sollte, denn die Sache hatte sich eigentlich ganz ohne mein Zutun entschieden, und erst allmählich wurden mir die ursächlichen Zusammenhänge klar. Ich werde Dir das noch ein andermal erklären. – Auch der liebe, mitteilsame Brief half es mir vollends über die Flaute hinweg, und
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| ich kann jetzt ohne heftiges Herzklopfen an dieses Verhängnis zurückdenken.
Mir scheint auch etwas wie Bestimmung darin zu liegen, daß Dir jede aktive Beteiligung an dem 17. fernblieb. – Und was kann wohl aus der Gesamtdeutschen Goethe-Tagung folgen? Ich las den ausführlichen Bericht in unsrer Zeitung und hatte den Eindruck, als ob sie dort so tun, als wäre alles nur ihr Verdienst.
Am Montag hatten wir hier ein enormes Gewitter mit Sturm und Hagel, der das wenige Obst noch recht geschädigt hat. Es blitzte tatsächlich ununterbrochen und ich halte es nicht für übertrieben, daß die Zeitung sagte, bis zu 35mal in der Minute. So hat sichs auch heute recht angenehm abgekühlt. – Was Du von der Wärmewirkung auf Herz und Durst schreibst, kann ich nur bestätigen. –
Wie gut haben es Aenne Ruge, Elsbeth Gunzert und ich gehabt, daß wir mit dem Apparat verschont blieben. Wir sind auch so wieder voll
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| arbeitsfähig geworden. Auch bei mir gibt es immer noch kleine Fortschritte.
Wann wird denn der Augenarzt wieder im Dienst sein? Die viele Sonnenblendung tut mir auch weh und ich hoffe nach dem 1.VII., daß Frl. Dr. mich an Prof. Serr überweist.
Der Dr. Meyer von dem Verlag Gunzert-Freihen hat in meiner Gegenwart den Inhalt der Kiste auf den Boden bei etwa 30°R! inspiziert und etwa 20 Bücher herausgefischt. Ich bekam dafür 30 M. Ich glaube, er war zufrieden, denn er empfahl sich für weitere Abnahme. Den Rest aus der Kiste soll ich dem Mann an der Hlg-Geist-Kirche anbieten.
Ist dies nun ein Geburtstagsbrief? Wohl kaum, aber vielleicht kommt ja noch die Angabe einer Adresse für den Sonnabend!
Du wirst gewiß nachsichtig über alle Mängel und Flecken fortsehen und lies, bitte, auch was zwischen den Zeilen steht. Herzliche Grüße Dir und Susanne. Viel treue Wünsche in stetem, liebevollem Gedenken von
Deiner Käthe.