Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./26. Juni 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg, 25. Juni 1954.
Mein einziger, geliebter Freund!
Diesmal komme ich zu Deinem Geburtstag zu meiner Betrübnis mit leeren Händen, denn was ich schenken möchte, hast Du ja längst zu eigen. Und nun kann ich Dir nicht einmal ein sichtbares Zeichen der unwandelbaren Treue geben, denn es ist heut morgen mit der Post keine Nachricht gekommen. Doch ich hoffe, daß Euer Plan zu desertieren sich ohne Schwierigkeit erfüllt und auch der Himmel ein Einsehen hat und so freundlich und kühl ohne Gewitterstimmung bleibt, damit Euch beiden eine wirkliche Erfrischung und Ruhepause zuteil wird.
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Für mich wird der 27.VI. wie immer ein unendlich dankbares Rückerinnern sein. Nicht nur für die Vergangenheit, sondern von neuen auch für das gegenwärtige Erleben. Denn ich habe geradezu mit Andacht wieder erfahren, welch wunderbare Hülfe mir, bewußt und unbewußt, in diesen Tagen gequälter Unsicherheit von Dir kam. So kann ich Dir nie genug danken, Dir und der höheren Fügung, die uns vor mehr als 50 Jahren zusammenführte. Welcher Reichtum ist meinem Leben durch Dich zuteil geworden!
Um so mehr leide ich darunter, wenn ich versage, aber ich habe ganz gründlich Abrechnung gehalten und hoffe, es jetzt besser zu machen.
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—  — Höre und staune! Gestern kam ein Briefchen von Hermann, der sich für eine Woche vom 3.–10. Juli hier ansagt, in der Rose wohnen will und der bedrückenden Enge in Tutzing entfliehen. – Ich hatte an meine Schwester Aenne tags zuvor einen ausführlichen Brief geschrieben über die Heimangelegenheit, und da vermischten sich zunächst meine Gedanken mit dieser Erinnerung, und ich dachte, er käme meinetwegen. Aber er ist ahnungslos wie immer und wird überrascht sein, wenn ich ihn hier von allem in Betreff der Bücher gehörig beanspruchen werde. Die Sendung des Bücherschranks fällt aus, da Dieter nicht in Wernberg, sondernaugenblicklich zur Vertretung bei Magdeburg ist. Er hat mir nicht geantwortet. Das also hat sich selbst erledigt. Möge das auch weiter der Fall sein. –  —
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Diesen Zwischenbericht mußte ich einfügen, denn ich weiß, es interessiert Dich auch, aber ich glaube auch, daß Hermann sofort hilfsbereit sein wird. Es lag gewiß an mir, daß ich meiner Familie von je her bei allem herzlichen Einvernehmen etwas fernstehe. Ich bin doch freiwillig von Kassel schon 1898 hierher gezogen. Und hier – habe ich den wahren Lebensgrund gefunden.
Der Bogen ist feierlich, dem Tag entsprechend, aber die Schrift ist schlecht und die Feder krumm. Ich sollte schon längst eine andere kaufen, aber auch da hat der Entschluß gefehlt. Du mußt viel Nachsicht mit mir haben, aber ich hoffe, das ist nochmal vorübergehend und nicht unverbesserliche Alterserscheinung.

Am 26. Juni.  Nun blieb mir keine Wahl mehr, ich muß das dürftige Päckchen nach Tübingen schicken, wo es erst Montag ankommt. Aber die guten Wünsche sind ja zu jeder Stunde bei Dir, nicht nur am 27.VI. Und die Worte vom Dilsberg gelten noch heut.
In stiller Treue Deine Käthe.