Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Juli 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Juli 1954.
Mein einziger Freund!
Eure Karte aus Sigmaringen und Dein lieber Gruß vom 28.6. haben mich innig gefreut,und mir auf dem Wege zu neuer Sicherheit vorwärts geholfen. Wie gut, daß Ihr weiter Wetterglück hattet für die wenigen "Freistunden", denn "Tage" kann man ja kaum sagen! Hier war der Siebenschläfer ein Dauerregen und da fürchtete ich recht für Euch. Ich war viel still zuhaus und, wie Du wohl schon länger gemerkt hast, in ernster Selbstbetrachtung und tiefer Dankbarkeit für unverdientes unendliches Glück. – Welch eine Fülle von Erinnerungen hatte mir das kleine Notizbuch geweckt, das ich Dir schickte und von dem ich hoffte, daß es Dir eine Zeit des ersten
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| beglückten Wirkens wieder gegenwärtig machen würde. Und bei den Versen vom Dilsberg fühlte ich mit tiefer Ergriffenheit, wie ihr Geist auch heute noch in ungetrübter Wahrheit lebt. – Leider war ja eigentlich garnichts von mir selbst bei der verspäteten Sendung, und das Buch, das ich eigentlich liebe, ist in einem, nicht durch mich, so schlecht behandelten Zustand, daß ich mich schämte, es zu schicken. Aber sowohl seine Beziehung zu Goethe, als auch durch die Schilderung von der Häutung des sträflichen Ungeschicks im praktischen Leben des Helden schien es mir ungemein zeitgemäß für mich. Über dieses Kapitel hätte ich noch manche Einzelheit zu berichten, aber ich hoffe dafür mal auf eine mündliche Möglichkeit. Jedenfalls möchte ich dich gerade jetzt damit verschonen.
Ob Ihr auch heute mit geschwärzten Gläsern
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| das Himmelschauspiel betrachtet habt? Es war lange nicht so eindrucksvoll hier in der Stadt wie damals im Park von Wilhelmshöh. Ich war auf Buttmis Balkon, habe dann, während sie Nachhilfestunde gab, auf dem Liegestuhl tief geschlafen. Gestern war endlich einmal wieder Hedwig Mathy bei mir, die nächste Woche zur Sommerfrische nach Hindelang gehen wird. Und Héraucourts gehen am 4. Juli nach Enzklösterle. Besonders Hanna braucht dringend Erholung, hat aber nur höchstens drei Wochen Urlaub.
Von Hermann kam die Nachricht einer Veränderung der Situation, da sie alle vier nach Godesberg gehen werden, um die Wohnung von Familie Saß (jüngste Tochter Helga) zu benutzen, während diese in Sommerfrische sind. Da ist nun für mich die Sache ziemlich zwecklos und ich werde vorschlagen, daß er erst auf der Rückreise hier die Fahrt unterbricht.
Ein Brief von Frau Held zeigt eine recht
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| verzweifelte Lage, – dagegen heute hatte ich die Freude über ein liebes Schreiben von Frau Biermann, die mir zu Deinem Geburtstag schreibt! Von ihr geht immer solch ein Hauch von Freudigkeit aus.
Außerdem lebe ich sehr in der stillen Welt der Innerlichkeit, denn in der Realität habe ich leider allerlei Versagen erlebt, an mir und an den Umständen. Es gibt ja so Zeiten, wo alles schief zu gehen scheint. Wenn doch jetzt endlich das Wetter warm und beständig werden möchte! Ich bin doch so vom Barometer abhängig. — Abends bin ich viel mit dem "unbekannten Gott" beschäftigt, und lasse mich von Dir zu immer tieferen Deutungen führen, zu immer neuer Überwindung.
Bleibe gesund, und laß Dich nicht von der Last der dankbaren und verehrenden Briefe erdrücken, sondern freue Dich Deiner lebenweckenden Kraft. Grüße Susanne und Ida und benutze jede Möglichkeit, in die Natur zu kommen. Jetzt ist doch die Lindenblüte! In innigem Gedenken
Deine Käthe.