Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Juli 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Juli 1954.
Mein einziger Freund!
Habe Dank für Deinen lieben Kartenbrief, der mir von Eurer Rückkehr aus Sigmaringen meldete. Ich schreibe Dir schon wieder, damit Du nicht denkst, ich erwarte etwas Schriftliches von Dir. Ich möchte Dir nur sagen, daß ich allmählich wieder ins Gleichgewicht mit mir selbst komme, und nicht zum wenigsten durch Deine Hilfe, die mir aus dem Geist Deiner Schriften kommt, die immer auf den tragenden Grund des schwankenden Lebens zurückweisen. Und mit dieser Einkehr ist mir wieder Mut und Kraft gewachsen. Es war ein wahrer Rattenkönig von Miß
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|geschick und Unzulänglichkeiten, die über mich kamen. Und unbegreiflich war es mir, daß es mich so nachhaltig umwerfen konnte, da ja doch die innere Welt, die eigentliche Quelle des Lebens, davon nicht berührt wurde.
Hier war heut zwischen Sonnenschein und Regengüssen ein großes Sängerfest mit Rummelplatz und großem Aufmarsch durch die Heidelberger Straße an meiner Ecke. Mit Frau Buttmi und deren zwei kleinen Großnichten von 3 u. 5 Jahren war ich vorhin auch dort, um die Kinder Karussel fahren zu lassen. Frau B. hat sich zum Glück von ihrem schlimmen Katarrh sichtlich erholt.
Sonst bin ich meist still zu Haus und suche "mit Nutzen" zu lesen. Da kam mir durch Frl. Seidel eine kleine Schrift von Richard Benz: Schubert, der Vollender der
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| deutschen Musik; es ist ein Abschnitt aus seinem großen Werk "Stunde der deutschen Musik" und will die Musik als Schicksal begreifen, als Maß und Mitte für das Leben eines Volkes. –  – Da habe ich mir Deine kleine Schrift aus dem Jahre 1909 wieder vorgeholt und jetzt vermutlich mit mehr Verständnis als damals gelesen. Da ist weit schlichter als bei Benz gesagt, daß Musik in ihrer Vollendung eine Ursprache der Seele ist von allumfassender Bedeutung. —
Du sprachst einmal von Benz, der bei Euch einen Vortrag halten wollte oder sollte. Warum wurde das wohl nichts? – Hier wird jetzt Wenke zu Kerschensteiners Gedächtnis sprechen. Ob er auch noch bis Tübingen kommt? Wohl kaum! – Am 1. Juni hat übrigens Benz hier den Ehrenbürgerbrief von Heidelberg bekommen und er ist auch
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| Mitglied der Akademie der Wissenschaften.
Die ganze Freundschaft wird demnächst in Sommerfrische sein. Auch die Hannelore wird von den Eltern abgeholt. – Neugierig bin ich, wie sich die Sache mit Hermann gestalten wird. Es ist doch ganz gut, wenn man sich mal wieder über allerlei praktische Dinge spricht.
Von Dir, mein geliebter Freund, hörte ich gern bei Gelegenheit, was der Arzt an Deinen Augen konstatierte. Und ich hoffe, er hat Dir was Heilsames geraten. – Ob Ida wieder die Ständchen genossen hat?
Viel herzliche Grüße an Susanne und sie. Wie bekommt Euch dies launenhafte Wetter? Ich wünsche Euch allen das Beste und hoffe, daß Du es einrichten konntest, die beglückende Fülle der Glückwünsche nicht zu einer Last werden zu lassen.
Immer
Deine Käthe.