Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Juli 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Juli 1954.
Mein geliebter Freund!
Vielen, vielen Dank für die getreue Geldsendung vom 5.7. und mehr noch für den lieben Brief von 8.7, der heut morgen ankam. Wie froh bin ich, daß, wenn auch verspätet, Dir mein bescheidenes Päckchen Freude machen konnte! Es war also doch recht, daß ich Dir trotz energischer Abwehr den V. o. W. schickte, denn mir schien es das einzig Wertvolle, das mir zur Verfügung stand. Und gelegentlich wirst Du es auch einmal lesen, denn es ist wohl rührend, aber nicht trostlos! Und gibt uns nicht das Leben täglich ähnliche Probleme zu sehen?
Das Notizbüchlein gabst Du mir mal vor vielen Jahren mit dem Auftrag, neues Papier
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| einzuziehen, denn ich buchbinderte damals etwas. Aber ich kam nicht dazu, und bewahrte [] es seitdem bei meinen Heiligtümern. Und jetzt mußte ich die Hülle einem Buchbinder in Auftrag geben. Sehr praktisch hat er es nicht gemacht, denn ein Bleistift paßt nicht mehr hinein. Den Inhalt hatte ich natürlich herausgenommen. Es ist mir immer merk[über der Zeile] würdig, wieviel bleibende Eindrücke ich von jener fernen Zeit behalten habe, oft unbedeutende Einzelheiten, während ich mich auf Gleichzeitiges vergeblich besinne.
Von dem Geburtstag scheint außer der Blumen- und Brieffülle nichts Einzelnes zu erwähnen. Und da will ich auch gleich einschieben, daß Hermann am 13.7. (dem Tage Deiner Durchreise hier anno 46) noch in Tutzing ist, Hauptstraße 53. – Und dann möchte ich Dich auch bitte, mir das Datum vom Geburtstag Deines Vaters und Kerschensteiners
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| mitzuteilen. Ich habe für beide keine schriftliche Aufzeichnung finden können.
Hermann hat sich nun endlich für den 19. hier angesagt, und weiß noch nicht, ob er am 25. oder 26. mit der Familie in Godesberg eintreffen soll. Bei der Abreise in Tutzing wird Erika eine Nichte zur Hülfe haben, sodaß ich mir keine Bedenken zu machen brauche. – An viel Unternehmungen aber denke ich für uns hier nicht, sondern an mögliche Ordnung im Haushalt, der durchaus entlastet werden muß. Und dann auch den Bücherverkauf!
Denn in kaufmännischer Hinsicht habe ich mich kürzlich derartig unfähig bewiesen, daß ich ganz unsicher geworden bin.
Du schreibst so gütig und teilnehmend, daß ich mir über das Vergangene keine Gedanken machen solle. Das ist freilich doppelt unfruchtbar, weil es nicht mehr zu ändern ist, und weil man nie für die Zukunft daraus lernt, da jedesmal
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| der Fall ein anderes Aussehen hat. Ich habe mich damit zu fassen gesucht, daß ich die Konsequenzen tapfer zu ertragen suche.
Sehr froh bin ich, daß der Augenarzt offenbar nichts Bedenkliches gefunden hat! Es ist aber gut, daß er gründlich beobachtet.
– Daß Wenke wenigstens kurz bei Dir war, ist hübsch. Daß er nicht hier sondern in München in Andenken Kerschensteiners sprach, beruht auf einem Mißverständnis: Frau Buttmi sprach im gleichen Atem von ihm, und daß sie zur hiesigen Feier gehen wolle.
Verzeih mir, bitte, die schlechte Schrift und das häufige Verschreiben. Ich hoffe, es jetzt allmählich wieder besser zu lernen. Bestelle meine herzlichen Grüße an Susanne und Ida. Und gehe weiter mit Deinen Kräften vorsichtig um, und ärgere Dich nicht im Seminar! Die dauernde Kälte jetzt im Juli ist zu arg.
Sei immer gegrüßt von
Deiner Käthe.

[li. Rand] Dein letzter Brief war "schlecht geleckt", kam offen in meine Hand.