Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Juli 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11.Juli 1954.
Mein geliebter Freund!
Der unvergeßliche 13. Juli 1946 muß Dir doch notwendig einen Gruß von mir bringen! Und es wäre auch zu meinem letzten Brief auch sonst noch allerlei zu ergänzen. Ich war sehr müde, als ich schrieb, und mußte eilen wegen des Abgangs der Post. – So ist es mir wichtig, Dir wegen der Immatrikulationsrede zu antworten, daß Du mir im voraus davon gesprochen hast, und im Brief die Tatsache erwähntest, aber einen Abdruck hatte ich nicht bekommen. Und ich weiß auch von dem Artikel für die Deutsche Zeitung, und erfahre im letzten Brief, daß er über Japan handelt. – Inzwischen habe ich einmal wieder ganz verzweifelt nach einer Druck
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|sache gesucht, die sich aber glücklicherweise dann von selbst wieder anfand: Das pädagogische Gespräch im Himmel! Ich glaubte schon, es sei beim Heizen in den Ofen gewandert. Aber es war mit anderen Schriften von Dir sorglich versteckt! Das ist eben der Mißstand, daß ich absolut kein Gedächtnis mehr dafür habe, wann ich eine Ortsveränderung unter den Dingen vornehme. Eine neue Ordnung ist ein gefährliches Unternehmen.
Darum will ich meinen ganzen noch übrigen Verstand zusammen nehmen, wenn jetzt Hermann am 19. Juli kommt und mir helfen wird. – Ich hatte eigentlich im stillen gehofft, ich würde aus diesem Zimmer nicht noch einmal ausziehen müssen. Aber nach dem ersten Schrecken beim Angebot vom Heim hatte ich [über der Zeile] mich wie zu einem Kopfsprung
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| entschlossen, und die ausbleibende Entscheidung war mir eine unverstandene Überraschung. Erst nach Tagen wachte in mir plötzlich die Erkenntnis der ursächlichen Zusammenhänge auf. Es hat mich dieser Mangel an geschäftstüchtiger Einsicht ungemein depremiert, weil ich ihn doch als eine Alterserscheinung erkennen muß, und dagegen gibt es kein Mittel!
So weiß ich auch nicht, ob wir eigentlich s. Z. unsre Unterschrift wegen der Wutachschlucht gegeben haben? Es wäre doch schön, helfen zu können, ein unersetzliches Stück heimatlicher Natur vor der zerstörenden Technik zu bewahren. Aber wo kann man sich da melden?
Hier sammelt jetzt die Kirche? (Hupfeld) Unterschriften für das "Unteilbare Deutschland". Wie kommt man dazu, von Deiner Zugehörigkeit zu sprechen, da Du doch die angebotene Präsidentschaft abgelehnt hast? Du weißt ja, ich hatte
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| gegen die Form des Unternehmens ein instinktives Vorurteil. – .
Diese Woche sollte also wieder allerlei Unerwünschtes bringen! Hoffentlich geht es gnädig ab, auch mit den Besuchen. Ob das Wochenend heute bei Euch ebenso wenig erfreulich ist? Kaum scheint die Sonne, gleich droht wieder Regen.
Aber bei mir ist jetzt wieder gleichmäßige Temperatur, wozu auch beiträgt, daß Du von besserem Befinden schreibst. Da werden auch die subjektiven Augenbeschwerden geringer werden. Habe Dank für alles, was Du mir direkt und indirekt beständig an innerer und äußerer Hilfe bist! Und habe Nachsicht mit meiner Altersschwäche.
Sei innig gegrüßt und grüße auch die beiden Hausgenossen!
In stetem Gedenken
Deine Käthe.

[li. Rand] Ich fange an das dicke Buch von Curtius zu lesen. Den Richard Benz lehne ich persönlich ab als zu gekünstelt.