Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juli 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juli 54.
Mein lieber, einziger Freund!
Gestern ist nun also Hermann wieder abgereist, und ich habe ihm versprochen, die Karte an Dich noch zu schreiben, die wir zusammen an Dich schicken wollten. Nun nehme ich aber doch lieber einen Briefbogen, und erzähle Dir lieber ein wenig ausführlicher von unserm Fleiß an diesen fünf Tagen seines Hierseins. Und außerdem sollte ich noch seinen Dank ausrichten für Deinen Geburtstagsglückwunsch! –
Wir haben allerlei praktische Dinge besprochen, aber irgendetwas Definitives
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| konnten wir ja nicht beschließen, da ich ja jetzt noch nicht weiß, was von meinen Möbeln ich mal in das Zimmer im Heim werde mitnehmen können. – Von den Büchern hat er zum großen Teil ein Verzeichnis aufgenommen, das er abschreiben will, so weit es reicht und jetzt will ich den Rest auch ebenso aufschreiben. – Mit den Büchern oben in der Kiste ist es so gegangen, wie ich vermutete. Nachdem der Antiquar [über der Zeile] damals die Perlen herausgefischt hat, will der andere nichts mehr davon! Hermann gab ihm das Verzeichnis, und er erklärte, die Sachen wären teils zu alt, teils nicht alt genug, um interessant zu sein. Ich sehe bei alledem, daß Herman auch
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| nicht geschickter ist, als ich!
Heute, Sonntag, ist nun seine Frau mit den beiden kleinen Mädchen und der Hilfe einer erwachsenen Nichte nach Godesberg hinterher gefahren und ich habe sie am Bahnhof begrüßt. Sie äußerte sich recht befriedigt, daß Hermann doch hier eine Zeit relativer Ruhe genossen hat, was er auch selbst gegen mich aussprach, denn ihre Wohnverhältnisse sind doch gar zu beengt und durch wenig entgegen kommende Vermieter unbehaglich. Erst im nächsten Frühjahr ist Aussicht auf eine größere Wohnung in einem städtischen Neubau ohne Baukostenzuschuß.
Für mich ist nun durch diese Episode doch eine gewisse Belebung in die für eine Übersiedelung notwendige Vorarbeit gekommen und darin hoffe ich, fortzufahren.
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Als ich gestern Hermann an die Bahn gebracht hatte, wollte ich die Fahrt in die Stadt noch ausnutzen und Héraucourts aufsuchen. Sie hatten den Urlaub noch ein paar Tage verlängert und ich fand die Wohnung leer. Da ging ich über den Neckarsteg in die Chirurgische Klinik und traf alle meine bekannten Schwestern gerade an, und sie begrüßten mich freudig. Ich renommierte mit der tadellosen Heilung, und es war ein sehr freundliches Wiedersehen.
Und nun ist mein ganzes Wünschen und Erwarten auf Nachricht von Dir gerichtet. Bist du am 17. mit dem Comité Culturel in Freiburg gewesen? Ist Dir der Umschwung ins Schwüle jetzt gut be
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|kommen? Und was habt Ihr eigentlich für die Ferien vor? Es ist ganz sonderbar, als wäre eigentlich noch garnicht Sommer gewesen, so charakterlos hat sich die Zeit hingezogen.
Täglich habe ich meine Freude an dem struppigen Schnauzer im Paterre gegenüber, der immer nahe daran ist, aus dem Fenster zu springen. Dann kommt aber die Frau und holt den Widerstrebenden ins Zimmer zurück. – So geht es immer im Leben! –
Am vorigen Mittwoch hatten Hermann und ich noch die familienbegierigen Nichten zum Abendessen hier: Gisela Gaßner und Hannelore Winterfeld, beide von Onkel Hermanns Linie. Es war ganz nett, aber lieber nicht zu oft!
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Und jetzt war ich froh, den Sonntag allein im Haus und auf dem Balkon lesend zuzubringen, und zwischendurch schlief ich einfach ein, denn es war doch etwas anstrengend und ungewohnt, immer jemand um sich zu haben.
Aber ich habe doch mit Freude bemerkt, daß ich wieder viel mehr Kräfte habe, ohne Hülfe in der Elektrische komme, und überhaupt auch ein wenig weniger vergeßlich bin.
Ich werde froh sein, wenn ich (vielleicht morgen?) hören werde, daß es Dir gut geht, und daß Du im Seminar doch noch einige Erweckungen erlebt hast.
Hoffentlich sind auch Susanne und Ida bei dem Wetterwechsel gesund; grüße sie und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner Käthe.