Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2./3. August 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. August 54.
Mein geliebter, einziger Freund!
Unsere letzten Briefe haben sich gekreuzt, und so habe ich Dir wohl noch garnicht für Dein liebes Schreiben vom 25. Juli gedankt, das, abgestempelt am 26., nachmittags am 28. in meine Hände kam! Es war mir eine [über der Zeile] umso größere Freude, als ich schon recht darauf gewartet hatte. Und besonders froh war ich, weil es allerlei Gutes zu melden hatte.
Inzwischen ist nun, von Susanne sorglich verpackt und adressiert, das feine Merianheft gekommen, wofür ich nun schon wieder zu danken habe, auch Susanne für ihre Mühe. Ich habe mich in die Lektüre sehr gründlich vertieft und dabei gesehen, daß meine Kenntnis von Tübingen nicht wesentlich genauer war als Deine ersten Eindrücke beim ersten Besuch. Sie stand auch unter
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| einem bestimmten Vorzeichen.
Inzwischen sind nun die Tage im dauernden Wechsel der Witterung eintönig und doch rasch vergangen. Die "Freundschaft" war und ist meist verreist, oder durch Besuch in Anspruch genommen. Am meisten vermisse ich Hedwig Mathy. – Héraucourt's sind aus Enzklösterle zurück, und ich fand die Mutter gestern mit Herzschwäche, ernst erkrankt im Bett. Die Tochter ist etwas erholt, aber nun wird auch die kaum gewonnene Kraft rasch wieder dahin sein. — Sehr erschöpft und überarbeitet ist auch Frau Buttmi, aber da ist keine Erholung in Aussicht, fehlt auch der gute Wille. Sie hat so eine Art Ehrgeiz, sich abzurackern.
Heute hat nun für Dich die erste Ferienwoche begonnen und ich hoffe, Ihr findet bald den erwünschten Ort für einen Erholungsaufenthalt. Es wird doch endlich auch mal
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| etwas wärmer werden, sodaß man gern im Freien sitzen kann. Ich gehe eigentlich täglich gegen Abend meinen üblichen Weg gegen die Stadt zu auf der Höhe mit dem Blick über die Ebene. Aber oft sind mir die Füße recht schwer, und Bänke sind da keine.
Heut war ein recht lebhafter Tag. Schon kurz nach neun Uhr war ich bei dem Hautdoktor, der mich noch immer nicht aus der Behandlung entläßt. Er meint, es sei ja beinah heil, aber er wolle noch weiter in Abständen mit dem Radiumlack pinseln, damit ich nicht in zwei Jahren zu ihm kommen müßte. —
Von dort ging ich in das Altenheim, wo ich von Frl. Seidel hörte, daß es eben nicht sehr erfreulich dort sei. Das wechselt wohl überhaupt in solchen Betrieben. – Und von dort geht eine Elektrische die ganze Hauptstraße entlang bis an den Schlachthof, wo das große Gebäude mit den städtischen Wohnungen steht, in dem Héraucourts wohnen. Da traf ich es gut, daß ich der Patientin
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| einen Brief schreiben konnte, an dem sie sich recht abquälte im Liegen. So waren der Vormittag und die Bahnfahrt gut ausgenutzt; ich kam zum Essen nach Haus, und dann habe ich sehr gründlich geschlafen.
Aus Godesberg habe ich nur eine Karte nach der Ankunft gehabt, sie werden sich aber dort gewiß gut einrichten. Auch Familie Wüst denkt ans Reisen. Sie wollen zu einer Hochzeit, mit Kind und Kegel, etwa vom 12.–22. August. Das hat seine gute und weniger gute Seite für mich.
Mit dem Ordnen bin ich inzwischen noch garnicht weitergekommen. Wenn ich mich bei den Bekannten über die beständige Müdigkeit bekage, versichert jeder, es ginge ihm ebenso. Dabei aber wird mir von allen Seite das "gute Aussehen" gelobt; auch die Eltern von Hannelore Winterfeld, an die ich so gut wie keine Erinnerung hatte, behaupteten: ich sei gar nicht verändert!!!
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| Daß ich es innerlich nicht bin, das weißt Du ja auch! Oder eigentlich, in gewissem Sinne hoffe ich, es doch zu sein. Es gibt sich doch jeder der Hoffnung hin, dazu gelernt zu haben.
Und wie verändert sind doch die äußerenm und auch die physischen Bedingungen. Wie Du im letzten Brief beschreibst: man hatte sich das Alter anders gedacht! Wer hat heute noch das Recht, alt zu sein? Jeder hat nur möglichst danach zu streben, sich nicht von der Hast des allgemeinen Daseins fortreißen zu lassen. Für mich gibt es nicht mehr die Forderung etwas zu leisten, es bleibt mir nur das Bemühen um Gelassenheit. Das muß sich in tausend Kleinigkeiten bewähren. Auch in der unerwarteten Enttäuschung mit dem Altenheim, die ich erst nachträglich in ihrem ursächlichen Zusammenhang erfaßte. Den würde ich Dir gern mal bei einem ruhigen
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| Zusammensein erklären. Schriftlich wäre es zu umständlich und womöglich unklar.
Es wird mir recht schwer, mich zu einer Tätigkeit aufzuraffen. Am liebsten ist mirs, etwas Gutes zu lesen. So komme ich immer wieder auf Schriftenx [li. Rand] x so vor allem die schöne Immatrikulationsrede. von Dir zurück und suche sie im Zusammenhang zu verstehen. Auch aus Deinen lieben Briefen klärt sich mir manche Folgerung. Aber oft auch bleibe ich ratlos, weil ich nicht weiter fragen kann. – Mit Interesse habe ich auch das Buch von Curtius zuende gelesen, das mich anfangs durch seine ziellose Weltfreudigkeit nicht anzog.

3.8.54. Ob nun wohl endlich der Sommer noch das Versäumte nachholen wird? Ich wünsche es für Eure Reisepläne von Herzen. Denke doch nicht bei den Plänen an den Kostenpunkt! Das darf doch bei der Notwendigkeit einer wirklichen Erholung keine Rolle spielen. Daß Deine Kräfte von neuen Eindrücken und schöner Natur belebt werden, ist doch mehr wert als alles Geld!
Sei innig gegrüßt, und grüße auch wer nach mir fragt.
Immer Deine Käthe