Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. August 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. August 54.
Mein einziger Freund!
Auch ich habe natürlich lebhaft an das Ereignis vom vorigen Jahr, d. 8.8., gedacht. Aber es ist mir nicht als "böser Unfall", sondern als ein neues Stück Leben erschienen, und ich bin wie Du der Meinung, daß ich nur dankbar dafür zu sein habe. Alles ist so glatt und selbstverständlich verlaufen, jede Möglichkeit zu ungestörter Heilung war mir geboten und war mir verdoppelt durch Deine liebevolle Fürsorge. In der Klinik war es mir ein Gewinn, an dem Geschick der mancherlei Mitpatienten teilzunehmen, und wie verwöhnt war ich dann in dem hübschen Balkonzimmerchen, – dort und vorher vor allem durch Deine getreuen Besuche!
Auch meine Schwester und Elsbeth Gunzert (Wille)
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| sind gut, wie ich höre, geheilt. Aber sie konnten das nicht so vorsichtig, wie ich, durchführen, sondern mußten schnell wieder in die tägliche Arbeit. Ich habe immer dankbar und bewußt gefühlt, wieviel besser ichs hatte. Und jetzt kann ich sogar wieder, langsam und unbeholfen, aber doch so leidlich das Schürzenband wieder zubinden und den linken Ärmel selbst anziehen!
Bei Prof. Litt ist es augenscheinlich ein sehr viel schlimmerer Bruch gewesen, da ja von Drahtverklammerung die Rede war. Ich stelle mir vor, daß der Oberarm direkt unter dem Gelenkkopf gebrochen ist. Wie leid tut [über der Zeile] er mir [über der Zeile] bei dieser Last mit dem Gipsgestell, die so endlos getragen werden muß! Wer ist denn dort der behandelnde Arzt? In der Klinik hier sagte man, es sei nicht mehr üblich einzugipsen. —
Daß Eure Entscheidung auf Heiden gefallen ist, freut mich. Ich hatte dazu am meisten Vertrauen,
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| weil es Dir s. Z. gut gefallen hat und dann denke ich mirs weiter und freier als z. B. Schönwald. Oder bietet es nur viel ansteigende Wege? Ob der Dr. Steiger noch in St. Gallen ist? — Was Du für mich vorschlägst, mit einem Vehikel womöglich, das würde ich auch mit einer Bergbahnkarte öfters unternehmen, wenn ich nicht meist zu müde dazu wäre. So bleibt es in der Regel bei dem kleinen Spaziergang zwischen 6 u. 7, oder 19 u. 20 abends.
Und was das Briefschreiben anlangt, da ist die Schuldenlast relativ wie bei Dir – denn ich komme nicht durch. —
Es lohnt ja auch nicht, denn was soll ich von mir berichten? Augenblicklich fallen all die regelmäßigen Besuche fort, denn die meisten sind verreist. Aber jetzt ginge ich gern täglich zu der armen Frau Héraucourt die so allein krank daliegt. Aber eigentlich nützen kann ich ihr ja nicht, und eine Frau im Hause sieht nach ihr.
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Heut ist nun Dein lieber Brief vom 2.VIII. gekommen und gleichzeitig die nicht endende Geldsendung, die mir immer in Deinem Interesse schmerzlich ist. (Ich hatte doch schon bei den Verhandlungen mit dem Heim gehofft, sie überflüssig zu machen.) – Habe für beides sehr herzlichen Dank.
Die Postbeförderung ist ebenso langsam, daß ich mich wundere. Der Brief ist vom 2., die Anweisung vom 4. abgestempelt. Und umgekehrt wüßte ich gern, wann dieser Brief bei Dir sein wird, den ich jetzt gleich zur Post bringe, die [über der Zeile] um 2, d.h. 14 Uhr Uhr abgehen soll. Sonst gehe ich oft noch spät abends damit hin, daß der Brief gleich früh mit der 6 Uhr Abholung fortgeht. Aber vielleicht macht das garkeinen Einfluß.
Und jetzt wird womöglich [über der Zeile] bald wieder eine Landesgrenze zwischen uns liegen, aber glücklicherweise keine fremdsprachliche! Ich wünsche Euch dafür recht schöne Tage und gute Erholung. Ich denke mir, der Ort wird auch für Susanne um der Lage willen erwünscht <li. Rand> sein! Also, gute Reise und herzliche Grüße!
Deine Käthe.