Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17./18. August 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. August 54.
18. Aug. 1954 nachm.
Ihr lieben – "zwei geduldigen Reisenden"
habt hoffentlich recht viel Geduld in Eurem Koffer, denn nach unserm Wetter hier zu urteilen, ist das sehr nötig! Ich denke bei jedem Sonnenstrahl mit dem Wunsch an Euch, daß er bei Euch wärmer und beständiger sein möchte! Inzwischen bin ich hier recht beschäftigt, denn ich muß doch allerlei für den Haushalt tun und das bin ich nicht mehr gewöhnt. Aber am Sonntag war ich bei Frau Heinrich und Schwester eingeladen, das war sehr gemütlich. Mehrmals bin ich bei Héraucourt's gewesen, aber nur zur Nachfrage, denn die liebe Frau liegt noch immer zu Bett, wenn sie auch jetzt nicht
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| mehr schwach wird, wenn sie versucht aufzustehen. Sie soll im Oktober noch in irgend ein Herzbad. – Hedwig Mathy hat noch nichts von sich hören lassen, ebenso verschollen ist Frau Buttmi, so sind zahlreiche Wespen mein einziger Umgang. Ich bin auf einer steten Jagd, und muß häufig das Fenster schließen, denn es werden ihrer immer mehr, seit sie Zucker und Obst gespürt haben. Aber ich habe den Gasthausbetrieb geschlossen und befördere die Zudringlichen mit dem Besen an die Luft. Ich mache so meine Beobachten dabei: entweder müssen es zwei verschiedene Nester sein, denn bisweilen bekämpfen sie sich auf Tod und Leben, oder sie sitzen dicht nebeneinander – förmlich zärtlich sich mit den Fühlern betastend! Also auch da Volksgemeinschaft!
Dabei fällt mir die Rede von Haering ein, die mir das feine Merianbuch wieder
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| in die Erinnerung rief. Das Buch ist wunderschön und ich habe es sehr gründlich studiert. Alle Leute, die in der Zeit zu mir kamen, haben sich auch daran gefreut. –
Gelesen habe ich mehr, als meinen Augen dienlich war. Aber ein gutes Buch lesen, kann ich immer noch eher, als selbst irgendwie aktiv sein. Hauptsächlich habe ich mich an dem liebevollen Vortrag für Meinecke erbaut, ich habe mir "Die deutsche Katastrophe" wieder dazu vorgenommen ,und eingesehen, daß ich mit meinem angebornem Preußentum nicht ganz gerecht gegen diese Arbeit war. Jetzt verstehen ich sie mit ihrem gründlichen Nachweis aller nur denkbaren Ansätze für den Nacismus besser. – Seitdem las ich in "Die Familie" von W. H. Riehl: "Radowitz unterscheidet einmal die Perioden der Pädagogik nach "geprügelten und geschmeichelten Generationen" –  – und fährt im Buch fort: "Im 18. Jahrhundert entwickelte sich auch bei uns der Geist der Familienlosigkeit: der Polizeistaat und die socialistische Standeslosigkeit folgten im 19.: nun wird die Umkehr
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| folgen müssen oder der Ruin." –  – Das läßt mich nachdenken, ob nicht vielleicht die lebhafte Familien"forschung", die in unsrer jüngsten Generation grassiert, eine gesunde, (wenn auch vorläufig recht äußerliche) Reaktion ist? Ich werde aber auch weiterhin suchen, die geistige Tradition zu betonen.
Doch nun will ich suchen, den Brief noch für die 14Uhr-Post mit fortzubringen. Ich hoffe, daß er Euch wohlbehalten und "geduldig" antrifft, daß Ihr von der Zeit wirkliche Erholung mitnehmen könnt. In der Stille freue ich mich darauf, von dem anschließenden Reiseunternehmen auch ein wenig Vorteil zu bekommen! Mit den herzlichsten Grüßen an Euch beide
Eure
Käthe.

[] Meine Karte vom 12. oder 13. ist doch bei Euch angekommen?