Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. August 1954 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 18. August 1954.
Mein geliebter Freund!
Gestern, am Dienstag d. 16. kam Dein lieber Brief um 15° in meine Hände und erfreute mich innig. Es scheint ja alles zur Erholung angetan, auch die Langeweile in der Linde, nur sollte endlich das Wetter besser werden, daß auch die "sonnigen Bänke" an die Reihe kommen können. Wir hatten gestern warme Sonne, aber Nordwind; doch gegen Abend war es wunderschön bei Heinrichs auf dem Balkon, heut regnete es viel. Das macht mich besorgt, und ich möchte Dich dringend bitten, nicht irgendeine Kraftprobe mit weiteren Spazierwegen zu riskieren; man darf sich doch nicht mehr mit den Leistungen vor 25 Jahren vergleichen. Schwieriger erscheint mir die Sorge um das Behagen im Zimmer bei der zunehmenden Kühle. Arbeitsschule – das weckt
[2]
| bei mir die Vorstellung von "Haus mit Zentralheizung", also ohne Ofen. Da kann man aber doch mit einem elektrischen Öfchen aushelfen. Da dürftest Du nicht aus Sorge wegen des "enormen" Geldausgeben zögern. – Du bist immer so eingehend und lieb bedacht für mich in allen Einzelheiten, aber ich bin ja so behaglich mit allem versehen, was ich brauche. Das bißchen Haushalt ist nicht anstrengend, denn es handelt sich nur ums Mittagessen, alles Andere ist ebenso wie sonst. Nur das Drandenken ist mir ungewohnt, weil mir sonst das Essen fertig auf den Tisch kommt.
Ungemütlich war mir nur anfangs das absolute Alleinsein im Haus, denn auch im Paterre ist tagsüber niemand und die Leute oben merken von mir noch weniger als ich von ihnen. –
Es ist direkt auffallend, wie oft ich mit Erstaunen wegen meines guten Aussehens angesprochen werde: iIch veränderte mich überhaupt
[3]
| nicht! Na, wir wissen das besser, nicht wahr? Man fühlt schon die Veränderung! Aber ich denke mir, es trägt doch zum Wohlaussehen bei, daß ich es mit den Beschwerden nicht tragisch nehme und nichts erzwingen will, was nicht gutwillig geht. – So lasse ich mir jetzt auch mit der Arbeit Zeit und finde die ungewohnte Tätigkeit, die mir doch etwas fremd geworden war, nur als angenehme Übung. Frau Wüst hatte mich doch recht unselbständig gemacht, und das war anfangs auch gut. Aber es ist ihr bequem, wenn ich ihr möglichst aus dem Wege gehe und unsichtbar bleibe, und das hemmt mich oft mehr, als angenehm ist. Jetzt will ich doch die größere Beweglichkeit wieder beibehalten.
Von meinen Erlebnissen schrieb ich schon in dem Brief, der gestern abging, ehe der Deine kam. – Daß ich nicht an Euren Hochzeitstag dachte, kommt daher, daß ich damals mit recht mangelhafter Nachricht versorgt wurde und so
[4]
| über die Ereignisse garnicht recht im Bilde war. Und überhaupt weißt Du ja, daß ich für Zahlen und Daten garkein Gedächtnis habe, desto mehr für zeitlose Eindrücke.
Aber Euer Aufenthalt in Heiden wird nicht zeitlos sein, sondern begrenzt; und bei der merkwürdigen Langsamkeit der Postverbindung will ich doch heut abend noch den Brief zur Post bringen. Er soll Euch mit meinen dringenden Wünschen für gut Wetter viele herzliche Grüße bringen!
In stetem Deingedenken
Deine
Käthe.

[li. Rand] 15.–16. August 1904! Griesbach