Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. September 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Sept. 1954.
Mein geliebter Freund!
Der Brief aus Heiden vom 30.8. war mir eine ganz große freudige Überraschung, denn nach dem Bericht auf der Karte war [über der Zeile] ich doch besorgt, Du könntest ernstlich krank geworden sein. Wie froh bin ich, daß der Anfall so schnell vorüber ging! Habe Dank für Dein schnelles Schreiben, und nun auch noch für die getreue Geldsendung, deren schriftlicher Teil mich über Eure gute Heimkehr beruhigte. Hier war der erste heiße Tag und ich fürchtete, Eure Fahrt wäre recht lästig gewesen. – Es ist ein gutes Gefühl, jetzt wieder in regelmäßigem Postverkehr zu sein, denn ich fühlte mich recht verloren, nicht einmal eine Anschrift für den 31. zu haben. Aber Du hast es wieder
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| verstanden, die Hindernisse "zum Besten zu kehren". Es scheint ja schicksalsmäßig jetzt dieses Datum etwas "behindert" für uns zu sein. –
Aber an dem selbstverständlichen Einvernehmen kann das nichts ändern, denn Deine lieben Schlußworte über das gemeinsame Gedenken waren mir ganz aus dem Herzen gesprochen. – Möchte nun doch von der Ruhe in guter, stiller Luft eine wirkliche Erholung für die Nerven für Dich zurückbleiben und alle Schädlichkeit der veränderten Lebensweise ausgestoßen sein.
Ich habe am 1. Sept. auch etwas Gutes erlebt. Um 16.3 Uhr fuhr ich mit Frl. Seidel von der Ecke der Dantestraße mit Bus nach Drei Eichen, von dort gingen wir, entgegen einem sanften Ostwind, bei strahlender Sonne nach dem "alten" Kohlhof, der seine Metamorphose beendet hat und der trotz des Wochentages dicht besetzt war. Wir hatten noch ein freies Eckchen gefunden,
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| aber es war so lärmend und ein Kind blies so jammervoll unaufhörlich zwei Töne auf einer Blockflöte, daß wir kurz entschlossen, völlig unbemerkt von irgendwelcher Bedienung, davon gingen. Ob Du Dich erinnerst, daß oben an der Waldgrenze gegen das jetzige Sanatorium eine Villa liegt? Regina nannte sie sich, und heißt jetzt Waldkaffee. Dort saßen wir, auch unter allerlei Menschen, aber in stiller Vornehmheit! auf einer Terrasse wunderschön mit Blick ins Grüne, und einem guten Kaffee in aller Ruhe bis nach 6 Uhr. [] (18) Dann gingen wir durch den Wald auf dem Fußweg zum Königsstuhlturm. Gegen den Willen von Frl. S. setzte ich es durch, mit dem Aufzug raufzufahren und der Ausblick, leicht dunstig, mit Abendsonne und sanften Berglinien, verschleierter Ebene und silbern glänzenden Wassern war so schön, daß Frl. S. mir extra dankte! Rückfahrt mit Bergbahn und Elektra ging glatt und ich war kurz nach 10 Uhr wie neugeboren zu Haus. Es war eben
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| vorher eine garzu lange Zeit des Eingesperrtseins. Das Gehen in der guten Luft strengte absolut nicht an. — Seitdem lastet hier unten wieder übliche Schwüle, hie und da ausdrückliches Gewitter mit leichten Regengüssen und nachfolgender Sonne. Ich habe viel geschlafen, denn belebend ist es nicht. –
Bei Héraucourt's geht es der Mutter besser, aber der Tochter steht eine gründliche Zahnbehandlung bevor, die sie so neben dem Beruf her abmachen will. Bei Buttmi's wird die Tochter aus Hamburg mit dem Enkel erwartet, also keine Ruhezeit für die Großmutter.
Wie es scheint ist Hermann mit Familie wieder in Tutzing. Von Aenne kamen gute Nachrichten über die Rugetöchter und den Ferienurlaub der Eltern in Wannsee mit Schlafen, in der Sonne liegen, Essen, Schlafen etc.
Alle Welt braucht so dringend eine Ruhezeit in jeder Richtung.
<li. Rand> Und ich will nun diesen dürftigen Brief rasch schließen, damit er womöglich <Kopf> morgen noch ankommt! – Allen Rümelinern herzlichste Grüße, und Dir noch extra von Deiner Käthe.