Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. September 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Sept. 54.
Mein geliebter Freund!
Nach Deinem letzten lieben Briefx [li. Rand] x Postabschnitt, der mir von Eurer Rückreise mit dem Abstecher nach Constanz berichtete, weiß ich Dich nun also wieder an Deinem Schreibtisch mit der Beantwortung der unzähligen Briefe! Ich habe nun freilich nicht die Absicht, diese Last noch zu vermehren, sondern ich habe nur das innige Verlangen, Dir von allerlei zu erzählen, was mich in meinem stillen Dasein so täglich beschäftigt. Aber viel Vernünftiges wird das nicht werden, denn in meinem Kopf ist eine so große Müdigkeit, daß ich mich schwer zu einer Mitteilung sammeln kann. Immer wieder schiebe ich den Vorsatz hinaus, und hoffe, es soll "nächstesmal" besser gehen.
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| Aber heute soll es nun doch endlich vonstatten gehen! – Von den verschiedenen Zeitungsausschnitten, die ich mir bereitgelegt hatte, will ich Dir nur mal diese letzte Notiz mitschicken, die gestern die Gemüter sehr bewegte und die heute mit eingehenden Protesten gefolgt ist. Werden denn immer die gleichen Dummheiten von neuem angefangen!? Wir stehen überhaupt hier im Zeichen der amerikanischen Kriegspsychose mit Alarm, Lichtsignalen etc. – Unsere Luftreiseprojekte auf den Mond etc. zeitigen ja jetzt lauter Himmelserscheinungen fremder Körper, die unsern Absichten angeblich zuvorkommen! Ich muß daran denken, daß es [über der Zeile] man in meiner Jugend zu dieser Jahreszeit die übliche Seeschlange auftauchen sah.
Kein Aprilscherz ist es aber, daß bei den vielen Erdarbeiten jetzt hier in Heidelberg vorhistorische Gräber und dergl. aufgedeckt
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| wurden. Wir sind ja eine schon lange besiedelte Gegend. Da ist trotz dauernder Umwühlung und Zerstörung doch manches noch zufällig erhalten geblieben.
Im Hause ist bei uns jetzt wieder die übliche Versorgung. Bei der Hitze habe ich die Nordlage sehr angenehm empfunden, aber seit 3 Tagen ist es dauernd schwül und das fühlt man überall. Auch nachts gab es leichte Gewitter aber ohne die ersehnte Entspannung.
Einige nette Postsachen bekam ich. Von meiner Schwester in ihrem Brief aus der Wannsee-Pension, die sie beide offenbar sehr dringend zur Erholung brauchten, kam eine ausgezeichnete Photographie von Mutter Lili, die nach einem alten Bild vergrößert ist. — Elsi Klauser, geb. Schwalbe schickte einen Artikel von Horst Krüger, der dankbar an seine Studentenzeit in Berlin zurückdenkt: bei Nicolai Hartmann und Dir. Das schicke ich Dir mal mit. Erinnerst Du Dich an diesen H.K.?
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Und heut kommt nun ein Brief von Hermann, der sich entschuldigt, daß sie hinterrücks durch Heidelberg fuhren, weil er versäumte, rechtzeitig Nachricht zu geben! Er will stattdessen nochmals eine Woche herkommen, weil Erika findet, er brauche etwas "Ruhe", und er dachte auch, etwa an den Walchensee zu gehen. Aber Heidelberg erscheint ihm besser – ? Es könne damit Oktober werden, denn sie haben viel Besuch in Aussicht. So ist es überall, die Ruhe fehlt, mit und ohne eigne Schuld.
Bei mir aber fehlt der Elan. Ich sitze viel still im Lehnstuhl und gehe nur nachmittags etwas aus; oft den üblichen Dir bekannten Weg, oder zu Heinrichs auf den Balkon, wenn ich zu bequem bin. Ich habe viel gelesen, das dicke Buch von Nohl über Mozart, und ich bedauere, nicht auch von seinen Schöpfungen nochmals etwas hören zu können. Aber das ist vorbei. –

8. September. Gestern abend war die Schlafsucht überwältigend und da denke ich, wird es
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| am Vormittag besser gehen. Gegen Abend kommt heut die Enkelin von Georg Malcus, die wieder ins Engl. Institut geht. Sie ist so gewandt und lebenstüchtig, daß ich immer staune. –
Es bedarf keiner ausdrücklichen Versicherung, damit Du merkst, daß ich auf dem Wege bin, nun wirklich ein "Halbsimpel" zu werden. Den ganzen Tag blieb der Himmel heut bewölkt, und es wird dauernd schwüler, sodaß man fast erstickt. Dabei stehe die beiden Wetterfahnen auf N.W.! Ich wünsche Euch herzlich, daß es bei Euch anders sei! – In der Zeitung steht, der Sommer blieb uns 100 Sonnenstunden schuldig, die gesunde Sonnenwärme blieb aus.
Ob Ihr wohl die Möglichkeit hattet, etwas Erholung im Freien zu suchen? Mir fehlt das sehr, aber der Tag auf dem Königstuhl war einzig in seiner Art.
Du hattest mal eine Andeutung gemacht, als ob Ihr noch eine kleine Fortsetzung der Reise geplant hättet. Ist dazu irgend welche Aussicht?? – Bei den angekündigten Besuchen wüßte ich gern, zu welcher Zeit ich mich unbedingt freihalten möchte für diese Möglichkeit. Denn das ist doch für mich die Hoffnung dieses Sommers.
Ich male mir gern aus, daß Ihr recht froh seid, daheim zu sein und daß sich womöglich doch eine gute Nachwirkung der Ferienruhe eingestellt hat. Ich grüße Euch drei Hausgenossen mit den besten Wünschen.
Dir wünsche ich möglich wenig störende Besucher und wenig, aber erfreuliche Post.
In dankbarem Erinnern an viele gemeinsame schöne Sommertage immer
Deine
Käthe.