Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. September 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Sept. 1954.
Mein geliebter Freund!
Seit Du abgereist bist, schien das Wetter besser zu werden; jeden Morgen war der Himmel blau und die Sonne strahlte. Aber schon nach zwei Stunden war die Herrlichkeit vorbei: Wie gut, daß der innere Sonnenschein, den Dein lieber, etwas längerer Besuch mir wieder brachte, anderer Natur ist! Ich danke Dir von ganzem Herzen – und ich hoffe, Du hast trotz der mangelhaften Bewirtung ein ebenso friedvolles, beglückendes Gefühl mitgenommen. Es war doch alles bestrebt, Dich zufrieden zu stellen, sogar der Wolfsbrunnen, der sich Dir zu Gefallen: Höhenrestaurant nennt. Ich hoffe nur, daß die Klettertour, die sich an ihn anschloß, Dir ebenso gut bekommen ist wie mir. Bei mir ist das Mangelhafte ja leider immer der Kopf! Denn, denke Dir, diese Glimmstengel, die der Brief begleitet, hatte ich in der Eile, weil
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| die Bahnschranke gerade geschlossen war, rasch aus dem bekannten Laden geholt, und in der Unruhe, ob ich Dich auch treffen würde, blieben sie dann in Deiner beruhigenden Gegenwart still in meiner Tasche stecken. So geschah dann wirklich das Ungewöhnliche, daß ich Dich ohne irgend ein kleines Liebeszeichen abreisen ließ. Aber Du weißt ja, daß das nur äußere Zeichen eines immer gleichen Innerlichen sind, und ihr Fehlen erfüllte eigentlich ungewollt Deine Anordnung.
Von der Bahn, wo ich beim Ausgang, tadellose Witterung vorfand, fuhr ich zu Rösel Hecht, die am Sonntag wieder vergeblich bei mir gewesen war, denn ich bedauerte das ehrlich. Von ihr ging ich noch zu Hedwig Mathy, mit der ich ein Zusammenkommen für morgen, Donnerstag, verabreden konnte. Es ist immer so ärgerlich, wenn die freundliche Absicht eines Besuchers mich nicht antrifft, oder verquer kommt. Ich bin doch so viel still allein zu Haus. – Morgen erwarte
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| ich nun also Frau Biermann. Wenn sie nur leidliches Wetter für ihre Pläne trifft!
Als ich zur Elektrischen eilen wollte, kam vor Deiner Abreise noch ein Brief von meiner Schwester, der mir eine sehr bedeutsame Nachricht brachte. Wie gut, daß ich nicht die Zeit hatte, ihn vorher zu lesen! Sie schreibt mir, daß ihre jüngste Tochter, mein Patenkind, Hilde Bauer nach längeren Konflikten, auf Antrag des Mannes endgültig geschieden ist. Er ist schuldig erklärt, aber Hilde und die Eltern tragen schwer daran. Meine Schwester konnte sich lange nicht entschließen, überhaupt darüber zu schreiben. Und Hilde, die nun ja sehr verschlossen war, bei einem sonnig heiteren Wesen, schrieb mir schon lange nicht mehr, sodaß ich nun schon länger etwas verwundert bemerkte, daß dieser Ulrich Bauer niemals erwähnt wurde. — Eine ganz ähnliche Situation erlebe ich jetzt hier bei Buttmis Nichte, die hierher mit zwei kleinen Mädchen kommen
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| wird. Sie hat eine Anstellung als Apothekerin. Es scheint auch eine typische Form der gegenwärtigen Ehen!
Da lobe ich mir die alten gewissenhaften Menschen, mit denen wir aufgewachsen sind!
Und ich halte es mit der Treue – oder ist es nur ein wunderbares Geschenk, wenn sie ein ganzes Leben vorhält? – Dir danke ich, daß ich sie finden durfte, und ich bin wie immer von ganzem Herzen
Deine
Käthe.

[] Viele Grüße auch an Susanne und Ida.