Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5./6. Oktober 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Oktober 54.
Mein geliebter Freund!
Hoffentlich ist morgen, am 6. 10. das Kästchen mit den Zeitlosen bei Dir und die Blumen erfreuen Dich ebenso wie mich das Pflücken! Es wäre mir doch sehr leid gewesen, wenn diese liebe, alte Gewohnheit auch in diesem Jahr ausgefallen wäre. So war ich froh, daß Hedwig Mathy bereit war, gestern Nachmittag mit mir ins Siebenmühlental zu gehen. Wir hatten eine wundervolle Abendbeleuchtung dort, und ich hätte Dir gern solch wunderbar feine Baumsilhouetten mitgeschickt, wie sie uns bei jeder Wendung des Tals vor der untergehenden Sonne sich zeigten. Es waren Bilder wie japanische Holzschnitte. – Inzwischen hattet Ihr den Besuch des Japaners, der vermutlich an die "Frühlingsfahrt" erinnerte, zu Ehren der Harada-Stiftung, wovon ich auch ein Gedenkheft habe?
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Inzwischen bist Du also mehrfach in Stuttgart gewesen; daß Du dabei auch reden würdest, hattest Du nicht erwähnt, aber in unsrer Zeitung war ein kurzer Bericht. – Vielleicht ist Dir seitdem mal ein wenig Zeit für die drängenden laufenden Arbeiten gegönnt worden.
Bei mir war also am 24. September Frau Biermann, was mich herzlich erfreute. Sie war im Begriff, am nächsten Tage nach Eschwege weiterzufahren und anschließend nach Kassel. Sie sprach sogar davon, eventuell mal auch Tübingen zu berühren, aber das war mir nicht ganz deutlich. – Für den 16.10. erwartet Ihr also dort Holzhausens.
Auch bei mir schwebt da einiges in Aussicht. Mein Patenkind Gisela, die in Odenburg, (wohl als Pfarrgehilfin im Jugenddienst) tätig ist, war zur Erholung in Thun (Schweiz) und hatte mir versprochen, auf der Rückreise vom 18.–19. (20?) hier die Fahrt zu unterbrechen. Nun schreibt
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| mir der Vater am 29. Sept. (mein unberechenbarer Bruder!) daß er sich entschlossen hat, mit der anderen Tochter: Mechtild, nach Basel zu fahren, dort die Frau eines verstorbenen Freundes zu besuchen und voraussichtlich am 16. oder 17. Okt. nach Heidelberg zu kommen. Wer weiß, ob nun vielleicht beide auf einmal kommen, und gerade das wollte ich nicht gern, denn ich hätte gern ein persönliches Zusammensein mit Gisela, die ich fast garnicht kenne.
Umso besser bekannt bin ich mit Mädi, von der ich schon einen 9 Bogen großen Brief mit sehr anschaulichen Berichten ihrer Reise bekam. Sie konnte leider auf der Rückfahrt hier keine Unterbrechung mehr machen.

6. Okt. Da kommt nun heut wieder Deine reiche Geldsendung, für die ich Dir von Herzen danke. Ich hatte ganz heimlich gehofft, sie würde ausbleiben, weil Du im stillen vorhabest, die
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| DFGTagung mit einem kleinen Abstecher hierher zu verbinden. Ich wagte nicht, davon zu schreiben, weil ich nicht falsche Hoffnung laut werden lassen wollte – aber nun gilt es, Deine Absicht irgendwie für mich zu retten! Mit Hermann wollte ich es schon gut einrichten, aber Gisela, die womöglich nur für Stunden da sein wird, möchte ich nicht irgendwie ablehnen, denn sie hatte ich aufgefordert. Es scheint mir ein wenig Patenpflicht. —  — Wie wird das mit Deiner Zeit stimmen? Bedenke doch ja, wie sehr mirs am Herzen liegt! Vielleicht reist sie schon am 19. – eventuell mit dem Zuge nach Godesberg. – Wie ist Deine Absicht?
Vielleicht hätte ich gestern dies alles nicht erwähnt, wenn nicht heut der rote Postabschnitt meine stille Hoffnung bestätigt hätte. Nun will ich aber alles daran setzen, solch "hübsches" Zusammentreffen zu vermeiden, wie das, bei dem uns Susanne so gut aushalf. – Für wann ist denn
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| dies Goslar geplant? Du schreibst: dann, heißt das anschließend? –
Wie oft am Tage geht es mir durch den Sinn, daß ich Dich irgend etwas fragen möchte, bei der Lektüre oder sonst. – Ich lese eben den – Benvenuto Cellini, und bin immer ganz aufgeregt über diesen unersättlichen Kampfhahn. Vorläufig ist er noch Münzschneider, Kap. II, 4. Er hat eine so ruhige Sprache, aber man wird doch gepackt! Und wie ist die Sicherheit des Lebens heut? Heute bringen sie sich beim Sport, beim Autofahren, mit Atombomben im Großen um. Ich habe mir aus der Zeitung das Bild von Prof. Hahn ausgeschnitten. Wie sehr wünschte ich ihm, daß seine Erfindung bei seinen Lebzeiten noch zu guten Zwecken angewendet wird! Er ist schon 75 Jahre alt und bis jetzt muß der Erfolg für ihn ja tragisch sein. –  – Wird etwa auf der Industriekonferenz auch über Derartiges verhandelt?
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Das Wetter, bei dem ganz gewiß auch die Atombomben mithalfen, ist nach wie vor unzuverlässig. Da war ich sehr froh über den schönen Nachmittag im Siebenmühlental. Ich hatte eigentlich erwartet, mir auf der Wiese recht nasse Füße zu holen, aber es ging tadellos, und war auch als Spaziergang einzig schön. – Im Zimmer ist es heut sehr behaglich und Kohlenvorrat ist auch da. –  – Hattest Du denn auch mal Zeit und Gelegenheit zu einem Weg ins Freie?
Jetzt grüße Susanne recht herzlich von mir, und sage auch Ida einen Gruß und Dank für die Karte von der Mainau.
Bleibe gesund, und laß Dich nicht von der heutigen Hetzjagd treiben, sondern bewahre Deine schöne überlegene Reife des Lebens. Innige Grüße von
Deiner Käthe.