Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Oktober 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9.10.54.
Mein geliebter Freund!
Sehr, sehr herzlichen Dank für Deine liebe Karte, die mich heute morgen erfreute, umso mehr als ich fürchtete, Dich in recht überflüssiger Weise mit meiner Beunruhigung über die mögliche Kollision der Besuche belästigt zu haben. Wie froh bin ich, nun das Datum Deiner hiesigen Durchreise zu wissen. Auf keinen Fall behindert das den Besuch Giselas bei mir; und das Sonstige kann ich ja abbiegen! – Infolgedessen war ich den ganzen Tag gehobener Stimmung, und soeben gegen 18 Uhr, habe ich meinen gewohnten Spaziergang gemacht bei herrlich klarem Abendhimmel, dem über den <gestrichene unleserliche erste Worthälfte>[über der Zeile] Ameisen-buckel heraufsteigenden Mond, mit dem Blick über die von unzähligen Lichtern strahlende Ebene bis gegen das Rhein hin! Es war sehr schön und abendlich still. – Die Tage vorher brachten allerle Bewegung. Die paar lumpigen
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| Bankpapiere erfordern wieder eine Umstellung, Kürzung von 10 zu 1!! Aber ich habe mich mit dem Beamten diesmal glatt verständigen können. Ich schließe an solche Fahrt in die Stadt immer gern etwas an, um das Porto zu nutzen. So war ich heut bei der Urenkelin von Großmutter Knaps, die mir sagte, daß ihre Mutter, (Gertrud Winter) durch den Tod ihres Mannes ganz melancholisch geworden ist. Und wieviel Konflikte gab es damals in der Ehe!
Gestern war Hanne Heraucourt zum Kaffee bei mir, relativ wohl, denn der Chef ist verreist. Leider kam uns ein ganz unerwarteter Besuch dazwischen: die Frau Kress, deren Tasche ich damals auf dem Friedhof fand, und brachte eine ganze Fülle liebenswürdig ausgedachter Gaben für den Haushalt einer alten Person. : Wein, Eingemachtes, Butter – und Kaffee! Also, das nächstemal, wenn Du welchen bei [über der Zeile] mir trinken willst, würde er Dir gefallen! Aber vielleicht ist er bis dahin schon alle! – – Am Donnerstag kam morgens die Verlobungsanzeige von Hannelore Winterfeld und am Freitag die Vermählungsnachricht von Norbert Matussek. Erstere völlig überraschend und das nette Mädel,
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| das ich infolgedessen daheim bei den Eltern vermutete, stand nachmittags auf der Treppe vor mir. Sie war selbst ganz überrascht und wie betäubt von dem plötzlichen Ereignis, aber ich habe doch einen sehr guten Eindruck von der Sache. –  – Hoffentlich ists bei Dr. M. ebenso zuversichtlich zu betrachten!
Auch Rösel Hecht habe ich in der Stadt getroffen, die jetzt ihre Tochter wieder zu Haus hat, nach einem etwas undurchsichtigen Pariser Aufenthalt. Sie will sich jetzt wieder dem Gesang widmen!! – Besser geht es aber bei Gundel Buttmi, die mitten im medizinischen Staatsexamen steht und mit der es damit bisher vorzüglich geht. –
Auch bei dem Hautdoktor war ich wieder. Er ließ die Assistentin nochmals die Stelle auf der Stirn behandeln, ob es das letztemal sein wird?
Das ist nun ein recht langes Geschwätz; die Dinge, die einem täglich auf dem Herzen liegen, bleiben für die mündliche Aussprache
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| am 24.X. Es ist viel, was die geistige Atmosphäre schwül und drückend macht. Und irgend welche sachliche Einsicht habe ich leider nicht, nur bisweilen recht zutreffende Vorgefühle.
Umso lieber gebe ich mich dem Gefühl der immer gleichen Gewißheit hin und den gläubigen Wünschen für Dein Wohlergehen. Die sind immer um Dich, ebenso wie Deine Ermahnungen zur Vernunft für mich!
Viele Grüße an Susanne, die vermutlich auch die herbstliche Sonne vermißt. – Ich wünsche Dir möglichste Gelassenheit bei dem Andrang der täglichen Anforderungen und daneben manchen freundlichen Eindruck. Bleibe gesund für Dein so notwendiges Wirken in dieser ziellosen Zeit.
Es grüßt Dich innig
Deine
Käthe.