Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Oktober 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Okt. 54.
Mein geliebter Freund!
Vorhin erfreute mich Deine liebe Karte vom 27. und sagte mir, daß auch Du von dem herbstlichen Sonnenzauber erfüllt warst, den wir im Heidelberger Schloßpark genießen konnten. Von diesem wunderbaren Frieden erfüllt, kam ich nach Haus und ruhte darin den ganzen Tag, träumend und schlafend. Hermann blieb auch abends in Mannheim, sodaß ich die von Dir empfohlene Ruhe voll genießen konnte. –  – Auch hier war dann das Wetter zweifelhaft und lockte nicht zu Unternehmungen. Am Dienstag wollte er durchaus zum Uhrmacher, und wir
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| gingen meinen üblichen Weg bei hübscher Beleuchtung; aber in der Geisbergstr. erklärte ich, daß ich ihn in einem Café zurückerwarten würde. Dort habe ich aber vergeblich gewartet, denn er fand es nicht, weil er auf der verkehrten Straßenseite suchte — das war sehr schade und brachte uns um den letzten Abend, denn er fuhr am Mittwoch früh 8.30 ab. Ich begnügte mich, ihm im Hotel gute Reise zu wünschen, denn trotz aller herzlichen Familienliebe war mir doch die Häufung der Besucher zuviel geworden. Am Abend kam dann wieder Hannelore, die aber jetzt für zwei Wochen in Ferien geht. Sie brachte mir auch [über der Zeile] wieder einige schöne Rosen, die ich Dir auch so gern auf den Schreibtisch gestellt hätte! Statt dessen habe ich in Gedanken Deine
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| Arbeitspläne verfolgt und gehofft, daß Du Dich bei Verschonung von Besuchen von dem vielen Reiseumtrieb erholen könntest.
Donnerstag um 14½ ging ich zu Frl. Dr. Clauß, die es nicht anders tat und mich mal wieder gründlich auf Blutdruck untersuchte, erklärte im Ganzen zufrieden zu sein, aber doch eine 3 Wochenkur mit Verodigen für gut hielt. Das will ich nun gewissenhaft inne halten, denn ich finde ja auch, daß es nicht schaden kann, den natürlichen Altersmängeln etwas abzuhelfen.
Ich hätte noch so allerlei gern geschrieben, aber es ist so knapp an der Zeit bis zum Samstag, wo Du wieder zu Haus sein willst, und da möchte ich mich womöglich noch einfinden. Gestern abend, als ich anfangen wollte zu schreiben, kam unerwartet noch Frl. Reinhard zum Leseabend. (Kanzler v. Müller
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| bei Goethe!) Da wurde also nichts aus meinem Brief. Überhaupt weißt Du ja, daß ich jetzt erst mal wieder meine fünf Sinne sammeln muß.
Daß die besten Wünsche und lieben Gedanken immer unterwegs zu Dir sind, weißt Du ja. Daran wirst Du Dir "müssen lassen genügen".
Richte, bitte, die üblichen Grüße aus, und laß es Dir möglichst gut gehen.
Deine
Käthe.