Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1./3. November 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Nov. 1954.
Mein geliebter Freund!
Heut morgen kam Deine überraschende Karte aus Alpirsbach! Wie lieb von Dir, mir diesen erfreulichen Abschluß der Baden-Badener anstrengenden Tage gleich mitzuteilen. Ich bin froh, daß Du nicht direkt wieder in die häusliche Arbeits-Atmosphäre zurückgekehrt bist. Und Susanne wird sich auch sehr gefreut haben! War das Wetter günstig? Bei uns scheint es sich auf Nachtfröste vorzubereiten. Meinen üblichen Weg konnte ich heut bis auf den sehr belebten und teilweise schön geschmückten Friedhof ausdehnen. Sonst habe ich immer noch gegen große Müdigkeit zu kämpfen. Du hast sehr recht, daß ich erst wieder die angemessene "Lebensform" finden muß!
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Für Abwechslung ist da doch immer gesorgt. Morgen vormittag hoffe ich, bei dem Lackdoktor entlassen zu werden. Zum Kaffee hat sich die Enkelin von Onkel Hermann, Gisela Gaßner, mit Tochter Heike angesagt. Ich hoffe auf gutes Wetter, denn sie wollen doch was von Heidelberg sehen! Ich bin froh, daß sie nicht verlangt, ich solle sie in Mannheim besuchen.
Aus dem etwas umgewühlten Bücherschrank ist mir ein merkwürdiges Heft vom Jahre 14 entgegen gekommen: Der Säemann. Neben manchem altbekannten Namen stehen da Kerschensteiner und Du dicht beisammen und doch in völlig verschiedener Stellungnahme. Wie sehr auch seitdem sich die Welt verwandelt hat, Deine mahnenden Worte an die Jugend haben bis heut bleibende Gültigkeit. Sie sind, was ich immer das "Zeitlose"-Überzeit
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|liche nenne – und liebe.

– 3. Nov. Da war also gestern der Besuch aus Mannheim pünktlich eingetroffen, aber sie erhoben keine Ansprüche an Naturgenuß, sondern blieben ganz gemütlich am Kaffeetisch sitzen. Heike amüsierte sich mit Kreuzworträtseln und die Mutter entwickelte allerlei Bücher- und Familieninteresse. – Aber hinterher war ich doch zu müde, um noch zu schreiben.
Darum endlich heute, nach dem üblichen Gang bis an die Friedhofstür!, will ich bei "des Lichts gesell'ger Flamme" ein wenig [über der Zeile] mich sammeln zu sichtbarer Mitteilung, was im Grunde aber wohl mehr aus Fragen bestehen dürfte! So wüßte ich gern, um was sich Dein Vortrag für diese Industriekonferenz wohl gedreht hat? Und hast Du Litt dort getroffen? Warst Du befriedigt von den Eindrücken?
Ich habe noch oft zurückgedacht an das, was
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| Du mir von Deinen Abschiedsworten bei der Forschungsgemeinschaft sagtest: Du habest dort erfahren, was Arbeiten heißt!! — Das ist doch nicht zutreffend; Du hast eine andere Methode dabei kennen gelernt, aber Du selbst bist doch von je mit ungewöhnlicher Treue Deiner Arbeit hingegeben. – Und Du hattest ja dann bei der Abreise gleich den Eindruck, daß Dein Nachfolger es damit nicht allzu wichtig nahm!
Noch eine Frage habe ich schon länger im Sinn: wäre das Buch von Weinstock, Die Tragödie des Humanismus, eine geeignete Lektüre für mich? Der Titel lockt mich sehr. Wie könnte ich es mir verschaffen?
Manches, was mich in der letzten Zeit nicht befriedigte an anderen und an mir, wird jetzt sich wieder ausgleichen. Vor mir leuchtet die Sonne auf den herbstlichen Farben, wie sie uns im Heidelberger Schloßpark umstrahlte <li. Rand> und ich fühle den Frieden jener Stunde. Sei innig gegrüßt von
Deiner Käthe.

[Kopf] Und herzliche Grüße an Susanne und Ida.