Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. November 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9.XI.54.
Mein geliebter, einziger Freund!
Vielen herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 8. Nov. der heut schon bei mir eingetroffen ist. Er war mir eine besonders große Freude, weil Susannes Handschrift auf dem Päckchen gestern mich besorgt gemacht hatte, es ginge Dir vielleicht nicht gut! Wenn dann auch der Verstand noch soviel einleuchtende Gründe zur Beruhigung erfindet, viel wirksamer ist eben doch ein sichtbarer Gegenbeweis. Und der Grund für ein wenig Verspätung Deiner lieben, eingehenden Berichte ist ja der denkbar schönste! Von ganzem Herzen wünsche ich Dir einen ungestörten, befriedigenden Verlauf Deiner Arbeit. Du hast ja schon so lange Sehnsucht nach solcher Möglichkeit, wieder einmal eignen Gedanken zusammenhängend Ausdruck zu
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| geben. Mit innigen Segenswünschen gedenke ich Deiner.
Gestern morgen war das ein seltsames Zusammentreffen von vier Postsendungen. Ein netter Brief von Gisela Gaßner, die sich dafür bedankt, daß es "wieder so gemütlich und nett" bei mir war – und ich hatte doch so aufbegehrt gegen den Roman von Künkel über Nicolaus von Cues, von dem sie sprach! Ich habe mich infolgedessen auch in den letzten Tagen wieder mit den Vorträgen von Prof. Ernst Hoffmann beschäftigt, die ich sehr liebe. – Ferner kam eine Karte von Hermann, (nachdem er schon zwei kleine Brief am 2. u. 5. schrieb) mit der Bitte, dem hiesigen Uhrmacher die Uhr für Erika wieder abzunehmen. Was dann auch am Nachmittag geschah. – Weiter kam ein Brief von Frl. Seidel, die mir meldete, daß das schönste und größte Zimmer im Heim durch Todesfall
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| frei geworden sei. Daß es aber für mich nicht in Betracht käme, weil es zu teuer wäre. Das leuchtet mir auch unbedingt ein, und es kam sehr zur rechten Zeit als 4. Postsache, die Sammlung Deiner "Gedanken zur Daseinsgestaltung" dazu, die mich in meiner Stellungnahme nur bestätigen konnte. —  —  —
Im ersten Augenblick war ich von diesem Bändchen in Glanzpapier etwas erschreckt. Deine mir so vertrauten Gedanken von einer fremden Hand aus ihrem organischen Zusammenhang gerissen zu sehen, war mir eigentlich verletzend. Aber über das sympathische und verständnisvolle Nachwort fand ich den Weg zur Einsicht, daß es auf alle Fälle besser ist, recht viele Suchende finden auf diese Weise den Zugang zu einem vertieften Lebensgehalt, die vielleicht nie die Zeit finden würden, ihn in Deinen Schriften unmittelbar zu suchen. –  – Und im Blättern trat mir dann auch das Bekenntnis zur "Inneren Stimme" (unser sokratischer Dämon) entgegen und
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| [über der Zeile] ich fühle mich auf dem rechten Wege, wenn ich nicht gegen meine Überzeugung versuche, in dieser Sache Schritte zu tun. – Mein Unterkommen jetzt ist erträglich und ein kleineres Zimmer wird sicherlich über kurz oder lang auch wieder frei. – Ich hatte beim ersten Verhandeln mit Herrn Rieker die Zusage erhalten, daß die Stadt etwaige Steigerung der Kosten (eines kleinen Zimmers) übernehmen werde, und mich hat damals das Mißlingen der Sache besonders bekümmert, weil es mir die Aussicht nahm, Dich von Deiner treuen Fürsorge zu entlasten. Bei einem Anspruch auf dies große Zimmer fiele doch ein solcher Gedanke selbstverständlich fort und es kommt also für mein Gefühl überhaupt nicht in Frage. Es wäre unwahrhaftig.
Jetzt will ich wieder diesen Brief in den Kasten bringen, daß er morgen mit der ersten Post mitgeht und hoffentlich am 11. bei Dir ist. Ich grüße Dich innig mit vielen guten Wünschen. Immer
Deine Käthe.

[li. Rand + Fuß] Herzliche Grüße den lieben Hausgenossen und Susanne noch extra Dank für die Drucksache!