Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. November 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Nov. 1954.
Mein geliebter Freund!
An diesem regnerischen Sonntag hatte ich mich zum Schreiben an Dich hingesetzt, aber dann fand ich es doch so dringend, erst mal wieder an meine Schwester einen Brief zu schicken, der ich das schon recht lange schuldig bin. Und nun will ich den Abend doch für Dich benutzen und Dir sehr, sehr herzlich danken für die Brief-karte, die mir durch ihren heiteren Ton die Beruhigung gab, daß Du durch meine letzte Mitteilung nicht verstimmt warst. Denn daß Du immer opferbereit bist, mir zu helfen, das hast Du mir ja oft gesagt und bewiesen; aber, daß dieser Anspruch an Deine Hülfe beschränkt werde, ist mir Pflicht und Bedürfnis. Das ist wirklich keine versteckte Furcht vor der Umstellung, sondern eine ehrliche Überzeugung und Absicht. Denn wenn
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| ich auch weiß, daß die mir bevorstehende Tatsache eine große Beschwerde mit sich bringen wird, und daß man bei einem Tausch nicht nur Vorzüge gewinnen kann, so bin ich doch fest dazu entschlossen. – Um Dir zu beweisen, daß es nicht eine unbewiesene These ist, wenn ich nichts in dieser Sache unternehmen wollte, sondern die Nachricht von Frl. Seidel gleich in diesem Sinne lautete: (Ich schrieb es Dir nur, um Dir die Situation mitzuteilen, und Dir zu erklären, daß meine Stellungnahme zu dieser Gelegenheit nicht nur von der Leitung des Heims, die mich nicht benachrichtigte, sondern auch in meinem eignen Sinn begründet ist.) – so ging ich gestern Sonnabend in die Landfriedstraße und traf dort gleich – nicht Frl. Seidel sondern – Herrn Rensch, mit dem ich schon damals auf Veranlassung von Herrn Pfarrer Rieker eine Unterredung hatte. Er wußte
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| noch, daß Du (der Professor aus Tübingen) mich unterstützte, und versicherte ebenso wie Herr R., daß ich zunächst in Betracht käme. Aber eine bestimmte Auskunft gab er mir nicht, und der andere – Herr R. – hatte erklärt, ich käme hierfür nicht in Frage.
Eine weitere Sache ist noch: Deine Bedingung, daß Hermann mir beim Umzug helfen solle. Das erscheint mir aber nach den bisherigen Erfahrungen nicht das Richtige. Er ist [über der Zeile] scheint keineswegs praktischer zu sein als ich und außerdem hat er keine Gabe, sich in die Lage des andern zu versetzen. In mir lehnt sich etwas gegen diese Möglichkeit, ihn zu rufen, auf. Mit den hiesigen Freunden werde ich schon die nötige Unterstützung finden.
Aber ich denke, dieser Zwischenfall wird mir endlich die Energie geben, die genügende Sichtung der Schränke endlich mit Erfolg durchzuführen. Der kräftige Anfang damals mit den
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| Büchern [über der Zeile] und dem Antiquar hatte mich freilich enttäuscht und die Fortsetzung mit Hermanns Hülfe noch mehr.
Aber ganz unabhängig davon bin ich mit all meinen Gedanken bei dem Büchlein des Piper-Verlags. Manches der Worte, die mir da entgegenkommen, sind mir nicht gleich so bekannt, daß ich sie in dem ursprünglichen Zusammenhang sehe; aber dann kann ich mir sie im Original suchen und ich erlebe jenes erste Verstehen neu. Und in diesem Erleben und der inneren Gewißheit, daß die äußeren Geschehnisse mir den Frieden der Seele nicht rauben können, bin ich voller Dankbarkeit geborgen in göttlicher Fügung. Daß mir dies alles zuteil wurde, danke ich Dir, Du mein einziger Freund, und das ist das unverdiente Glück meines Lebens.
Mögst Du in Freudigkeit Deine begonnene große Arbeit fortsetzen! Meine innigen Grüße und Wünsche sind immer bei Dir.
Deine
Käthe.

[li. Rand] Susanne und Ida wie immer herzliche Grüße.