Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./26. November 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Nov. 1954.
Mein geliebter Freund!
Wie japanisch ist es bei Euch zugegangen!, und gar einen kaiserlichen Verwandten habt Ihr im Hause gehabt. In dem Buch von Bälz sah ich mir das Diesbezügliche an, und danach kann ich gut begreifen, daß Ihr Bedenken wegen der notwendigen Formen für diesen "göttlichen" Empfang hattet; aber er reiste anscheinend "inkognito" und konnte sogar deutsch. Es ist wohl in dieser Zeit überall eine demokratische Angleichung der Stände – und eine humanistische Schätzung der Menschen. Die Beschäftigung mit dem Zeremoniell klang wohl noch etwas in Dir nach, denn so feierlich wie diesmal hast Du noch niemals Deinen Brief unterschrieben!!
Ich freute mich über Deinen Bericht von dieser Ehrung, aber noch mehr, daß mir sogar Fragen beantwortet wurden, die ich nur in Gedanken
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| gestellt hatte, nämlich nach dem Befinden von Litt und Christiane. Da ein erwarteter Vortrag von ihm hier abgesagt wurde, dachte ich mir, daß es nicht gut stände. Aber Christiane wird sich hoffentlich glatt weiter erholen. Man sagt, völlig überwunden ist solch Eingriff erst nach einem Jahr. – Sehr gern möchte ich nun aber noch wissen, wer und woher dieser Herr Walter Bähr ist. Du erzähltest mir einmal, daß jemand von Dir Aufzeichnungen aus Deiner Berliner Zeit erbeten habe, und daß Du etwas besorgt wegen der Verwendung gewesen seist. Du wärst aber über diese Bedenken beruhigt worden. Ich vermute, daß dies in Zusammenhang steht. Mir ist das Buch sehr wertvoll und mit innerem Verständnis zu einer Einheit um den lebendigen Wesenskern zusammen geschlossen. So wird es auf weite Kreise wirken. Man möchte es ein "Laienbrevier" nennen. Wie bist Du damit zufrieden?
Mir ist es in diesen Tagen recht wohltuend
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| gewesen, denn ich hatte allerlei unangenehme Erlebnisse, die mir jene verpaßte Gelegenheit mit dem Heim recht zu Gemüte führten. Es war Feigheit und Gutmütigkeit von mir, denn die Frage, ob die Lage für mich unbedingte Notwendigkeit zur Übersiedelung gäbe, war nicht mit ja zu beantworten. Nun bedauere ichs, denn ich habe inzwischen gesehen, daß ich mit der Vorbereitung zur Übersiedelung nicht weiter komme. Aber Du hast recht, daß man sich nicht aufregen soll, und ich bemühe mich auch mit Erfolg, aber ich empfinde doch meine Versäumnis als einen üblen Fehler.
Die dunklen Tage jetzt sind nicht nur Folge der Jahreszeit, denn die ganze Welt sieht immer dunkler aus. Aber es ist in mir durch mancherlei Erfahrung bestätigter Glaube: daß denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Sorge doch nur auch Du, jede unnötige Aufregung zu vermeiden; könnte Dir nicht eine 2geteilte Brille, für nah und fern, über die
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| aufregende Schwierigkeit forthelfen? Frage doch mal den so geschickten Prof. Harms.
Das Programm Deiner bevorstehenden Arbeit ist noch immer wie sonst. Zu dem beschaulichen stillen Gelehrtendasein kommst Du nie. Von dem Stuttgarter Kongreß war auch hier ein Bericht über Deine Schlußansprache, und umso mehr verlangt michs, sie von Dir direkt kennen zu lernen. Denn es ist immer die lebensfähige Seite, die Du ins wirksame Licht stellst.

26.XI. Auch sonst hatte ich schriftliche Grüße von außerhalb, vor allem von Mädi sehr eingehend, von Anna Weise (90 J.) auch 4 Seiten mit schöner Schrift. – Wiederholt war ich bei Frau Heinrich, die ja an meinem üblichen Wege wohnt. Heut ist wieder mal klares Wetter, und die Sonne tut wohl, auch im Widerschein!
Und auf dem Bogen ist nur noch Platz für viele innige Grüße in treuem Gedenken! Grüße auch wie immer vielmals Susanne, sowie Ida.
Ich danke Dir für Deinen lieben Brief, der mich ganz besonders erfreute, weil er so gute Nachricht brachte.
<li. Rand> Möchtest Du die lästige Steuererklärung rasch vollendet haben und Dich <Kopf> wieder ganz wohl und freudig fühlen. Bald fängt ja die Sonne wieder an zu steigen. Ich denke Dein. Deine Käthe.