Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Dezember 1954 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 1. Dez. 1954.
Mein geliebter Freund!
Mit schwerem Herzen entschließe ich mich, Dir von ganz unvermuteten Schwierigkeiten zu schreiben, in denen ich mir nicht zu helfen weiß. Seit einiger Zeit war Frau Wüst geradezu unhöflich gegen mich. Ich nahm das nicht persönlich, denn ich war im Gefühl einer wirklich freundschaftlichen Verbundenheit, die sie mir durch tatkräftige Hilfe immer bewies, mehr als ich annehmen wollte. Die kleine Vergütung, die ich dafür entrichtete, war keine Bezahlung, sondern ich war nur immer in Sorge, sie könne dabei zu Schaden kommen, und ich wehrte möglichst ab, besonders bei dem Essen, von dem ich oft mehr als die Hälfte wieder rausschicken mußte. Alles was sie
[2]
| kochte war sorgsam und gut, wenn auch in andrer Weise, als ichs gewöhnt bin. Ich kam mir in gewisser Weise förmlich entmündigt vor. Aber ich empfand es immer dankbar als freundliche Absicht.
Als Hermann sich erneut ansagte, nach längerem unbestimmtem Verzögern und zwar genau zwei Tage vor Gisela, die ich viel lieber allein gehabt hätte, fragte ich Frau Wüst, ob sie wohl für ihn mitkochen würde, wie sonst schon wiederholt für Frl. Mathy. Es stände allerdings auch seine Tochter in Aussicht, deren Eintreffen mir da noch nicht bekannt wäre. Sie zögerte, und ich fand das natürlich, denn es wäre eine Zumutung bei ihrem arbeitsreichen, sehr geordneten Haushalt. Als Gisela fort warx [li. Rand] x nach 3 Tagen, bot sie aber dann doch selbst noch an, für ihn zu sorgen, und ich war darüber
[3]
| sehr überrascht und erfreut. Du merktest ja am Sonntag, der für uns so schön verlief, daß mich der doppelte Besuch ziemlich angegriffen hatte, da ich eigentlich wenig dabei das fand, was ich beabsichtigt hatte. Und dann nahm Hermanns Abreise noch ein etwas stürmisches Ende. Er wollte am letzten Nachmittag noch seine Uhren zu meinem guten Uhrmacher bringen und wollte das mir nicht überlassen. Wir gingen meinen üblichen Spaziergang, und dann in die Gaisbergstraße, wo ich an der Blumenstraße erklärte, ich wolle jetzt mal in einem Bäckerladen jetzt etwas essen und sitzen. Da er nicht einwilligte zu dem Vorschlag, sondern [über der Zeile] sich entschied nur schnell allein zu gehen und mich wieder abzuholen, erwartete ich ihn in dem betreffenden Lokal. Ich wartete über 1½ Stunden und es wurde inzwischen dunkel, ich aber fing an mich schrecklich aufzuregen, es sei ihm ein Unglück geschehen.
[4]
| Endlich ging ich fort und, da ich sonst keinen Rat wußte, zur Elektrischen, wo nun gerade die verkehrsreiche Stunde war. Aber ich kam mit und beim Einbiegen in die Peterstraße kam er mir entgegen und war sehr betrübt: er habe alle Läden in der Rohrbacherstr. abgesucht und mich nicht gefunden. Er suchte nur die Seite ab, wo ich früher wohnte. Infolgedessen kamen wir spät nach Haus, etwas konsterniert, und ohne die beabsichtigte Schokoladenschachtel für die beabsichtigte Wüst-Kinder. – Am nächsten Morgen fuhr er früh ab nach Würzburg und ich besorgte die Schoko und entschuldigte ihn.
Seitdem nun muß es sein, daß Frau W. zunehmend unliebenswürdig wurde, sodaß ich positiv darunter litt, und am Totensonntag auf eine unfreundliche Antwort sagte: das könnte man doch auch etwas höflicher sagen. – Da brach ein Donnerwetter über mich los, das ich garnicht
[5]
| begriff: ich zwänge sie, unhöflich zu sein. Irgend eine Begründung gab sie nicht an, ich würde das schon wissen. – Nachher traf ich den Herrn Wüst vor der Tür und fragte ihn, ob er mir nicht sagen könne, was die Ursach sei? Er sagte in seiner etwas zögernden Art: die Frau meine, ich behandle sie so, "als ob sie bei mir in Dienst stünde". Er merkte wohl an meiner Antwort, daß das meiner Gesinnung absolut nicht entspräche und ich bat, er möchte doch sehen zu vermitteln. Aber da kam sie aus der Tür und sagte heftig, er solle das nicht versuchen, es wäre zwecklos.
Nun muß ich Dir sagen, daß ich trotz allem diese Frau und die Kinder wirklich lieb habe, sie hat es schwer mit ihrem leidenschaftlichen, unbeherrschten Temperament; aber sie hat alle Versuche einer Versöhnung glatt abgewiesen. Ich habe in mir vergeblich nach einem anderen
[6]
| Grund für ihre Annahme gesucht: "ich erachte sie nicht für voll". Ich achte sie als eine tüchtige Hausfrau, sie erzieht die Kinder gut, nur mit zuviel Schlägen, und ist strebsam u. intelligent.
Nun bin ich freilich "gebranntes Kind", und möchte keinesfalls wieder so intensiv betreut werdenx [li. Rand] x(überhaupt nicht), aber ich möchte, daß es friedlich zwischen uns sei, solange ich noch in dem Hause wohnen muß. — Ich glaube, daß auch ich unbewußt allerlei versäumt habe und stelle ihre Empfindlichkeit in Rechnung. Darum bitte ich Dich, daß Du in Deiner gütigen Art ihr ein paar Zeilen schreibst, und ihr sagst: daß immer alle beide Schuld haben, und daß wir in dieser weihnachtlichen Zeit Frieden haben wollen. Ich habe seit dem Totensonntag unablässig darüber nachgedacht. Ich will keine Müheleistung von ihr, nur ein freundliches Verständnis von beiden Seiten. Ich erzählte oft von der
[7]
| großen Liebenswürdigkeit, mit der sie mir damals den blühenden Kaktus in die Klinik brachte, und habe nicht vergessen, wie sie im vorigen Winter an mein Bett kam und mir einen Umschlag machte. Darum kam mir auch das jetzige Erlebnis aus heiterer Höhe.
Dein schönes Buch, das ich immer in meiner Nähe habe, ist mir ein wunderbarer Trost. Wo man es auch aufschlägt, fühlt man sich angeredet. Ich werde es vielfach zu Weihnachten verschenken. Frl. Dr. Clauß hat mir sehr lebhaft dafür gedankt. –
Aber heut kann ich weiter nichts schreiben. Hannelore Winterfeld kommt zum Abendbrot.
Grüße Susanne recht herzlich und auch Ida. Du handle, wenn Du es für richtig hältst, so vermittelnd für mich, daß die Atmosphäre geklärt wird. Und ich wünsche von ganzem Herzen, daß es keine zu arge Störung und Zumutung für Dich ist.
In steter Liebe und Dankbarkeit
Deine Käthe.