Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Dezember 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Dez. 1954.
Mein geliebter Freund!
Habe vielen Dank für die getreue Sendung, die heut morgen eintraf. Noch war mein Vorrat aber nicht erschöpft, und ich werde nicht verschwenderisch damit umgehen. Natürlich aber sind meine Ausgaben etwas größer, besonders jetzt gegen Weihnachten. Du behütest mich immer vor eigentlichen Sorgen, aber vor meiner Unvernunft bist Du nicht geschützt. So hat mich der Conflikt mit Frau Wüst nur so unvermutet getroffen, weil ich in meiner inneren Welt befangen, nur an die Vereitelung meiner Wünsche in Betreff der Besuche dachte, und das Angenehme der äußeren Hülfe und Fürsorge mit selbstverständlicher Gewohnheit hinnahm. Mit beständigem Grübeln, oft recht quälend, habe ich die Erkenntnis von meiner Versäumnis gewonnen, die ich
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| verschuldet habe. Ich habe den Dank nicht ausgesprochen den ich im Herzen empfand. Und sie wollte doch gelobt sein. Das kann ich nicht mehr ändern, aber die Erkenntnis hat für mich ihr Gutes gehabt. Die große Heftigkeit, mit der sie reagierte, hat die Besserung, die mir das Verodigen brachte, wieder vereitelt. Aber ich habe heut bei Frl. Dr. Clauß Cardinol verschrieben bekommen und so wird der Mangel bald ersetzt sein, denn objektiv wurde festgestellt: alles normal, direkt jugendlich! Also ist die subjektive Schwäche nur was Natürliches!
Daß man doch mit 82 Jahren noch immer dem Leben nicht gewachsen ist! Immer gibt es neue Erlebnisse, die man nicht bewältigt.
Aber mit dieser Erkenntnis werde ich mit leichterem Herzen Dein Kommen nach Heidelberg erwarten, und nicht mehr fürchten, daß es für Dich Unangenehmes bringen könnte. Denn das wäre für mich das Schlimmste! Ich grüße Dich innig wie immer, und danke auch Susanne und Ida für ihre Grüße.
Deine
Käthe.