Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Dezember 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Dez. 1954.
Mein geliebter Freund!
Heut nachmittag habe ich einen Brief an Dich in den Heidelberger Bahnpostkasten gesteckt in der Hoffnung, daß er auf diese Weise noch vor Sonntag bei Dir sein würde. Nun gehen aber meine Gedanken den Mitteilungen der am Vormittag mit dem Herrn vom Fürsorgeamt gehabten Unterredung andauernd nach und ich bin im Zweifel, ob der Vorschlag, den er mir machte, wirklich einen Sinn hat. Soviel ich damals bemerkte, als ich nach Deinem Bekannten fragte, ist dasx [li. Rand] x an der Anlage nur eine Mietwohnung, kein Heim. Und wenn ich nun sichtlich hilfsbedürftig werde, ist das doch eine Notwendigkeit, daß ich auch Pflege haben könnte. Das wird am meisten möglich sein in St. Anna. Ich werde also morgen weiter auf Erkundung ausgehen, was ja die Rücksprache, die am Dienstag, [unter der Zeile] d. 21.XII.
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| stattfinden soll, nicht ausschließt. Ich muß mir inzwischen alles schriftlich zurecht legen, damit ich nichts Wesentliches zu erwähnen vergesse.
Dieser Zettel wird bestimmt am Montag früh ankommen, also noch rechtzeitig ehe Du antwortest und vielleicht gleichzeitig mit dem ersten Brief.
Für mich hatte sich ja die Geldfrage durch Deine liebevolle Erklärung Deiner wieder gesicherten Lage und Fürsorgemöglichkeit doch gelichtet, und wenn ich auch immer bedacht sein werde, die billigere Möglichkeit zu ergreifen, so ist doch der Ausblick erweitert und ich kann mit größerer Sicherheit mich entscheiden. Wäre es doch schon geschehen!
Ich kämpfe mich durch all die Zweifel und Mißhelligkeiten immer wieder zum Bewußtsein innerer Gewißheit und Ruhe durch. Allmälig verliert sich auch das Gefühl des Sturzes ins Bodenlose, genauso wie damals auf der Treppe.
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| Die Frage, was eigentlich den Gesinnungswandel im Hause veranlaßte, ist ja nicht geklärt. Die üble Stimmung hatte sich ja schon länger vorbereitet, aber ich hatte sie nicht auf mich als Ursache bezogen. Vielleicht hat Hermanns Besuch garkeinen direkten Zusammenhang damit. Doch das ist jetzt einerlei. Rauswerfen können sie mich nicht, sagt mir auch der Beamte.
An irgend etwas Weihnachtliches habe ich noch garnicht denken können. Aber bekommen habe ich schon mehrere Grüße. Heute z. B. solch merkwürdigen roten [über der Zeile] <unleserliches Wort> Stern von Frau Buttmi, den sie leider während meiner Abwesenheit brachte.
Jetzt, hoffe ich, kann ich mal einen Strich unter diese Zeit der Ärgernisse machen. Der Tageslauf ist ganz gut geregelt und bewältigt.
Und abends flüchte ich zu dem neuen Büchlein, das mir immer wieder Ruhe und Glücksgefühl gibt. In dieser Welt ist mein Leben geborgen.
Ich grüße Susanne und Ida und bitte Dich, Dir keine Sorge um mich zu machen. "Unkraut vergeht nicht." In treuer Liebe
Deine
Käthe.