Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Dezember 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Dez. 1954.
Mein geliebter Freund!
Vielen, vielen Dank für all die drei letzten, besorgten Briefe. In allen Ratschlägen suche ich Dir nach Möglichkeit zu folgen. Auch die Nerven habe ich wieder ziemlich in Ordnung, und sehe die Dinge mehr aus Distanz, z. T. als Schauspiel. Es war mir nicht ganz leicht, eine festgewordene Illusion zu überwinden.
Am Heiligabend werde ich, wie Du vorschlägst, zu Haus bleiben, nicht nur wegen der möglichen Überraschung aus der Türritze, die ich sehr bezweifle sondern aus lieber Gewohnheit, wie Du vermutest. Ich werde nicht einsam sein. (Vorgesorgt ist).
Der Brief, den Hermann mir schickte, war lieb und herzlich, der "andere" ohne jeden sichtbaren Effekt für mich. –
Da Du in dem Telegramm, das zuerst kam, auf einen Brief für Montag verweist, zögerte ich mit dem Besuch im Landfriedstift, das ich für
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| Sonntag beschlossen hatte, und machte mich nun heute auf den Weg. Im Stift war Frl. Heckmann, die Anstaltsleiterin, in der Stadt. Sie habe aber nicht die Entscheidung, sondern Frl. Petzold [über der Zeile] ?, an die sie jeden Antragsteller verweise. Ich fuhr dorthin, aber an ihrer Stelle war eine Vertreterin, die meine Wünsche aufnahm, und freundlich Auskunft gab. Inzwischen war Frl. Heckmann im Stift zurück und sagte, daß momentan alles besetzt sei. Kürzlich war allerlei Wechsel gewesen. Von der Zweigstelle an der Anlage (Innere Mission) glaubte sie, es sei dort keine Dampfheizung. – – Beim ersten Besuch in dem vorzüglich geleiteten Haus suchte ich Frau Jordan auf, die von meinem Kommen orientiert war, und mir recht eingehend und nett Auskunft gab. Alles machte einen vertrauenserweckenden Eindruck. Preis 200 M, glaube ich. Von Schwerhören merkte ich nichts. – In St. Anna sind nur Doppelzimmer, das ergründete ich schon am Samstag. Überall kommen mir die Menschen erstaunlich höflich vor im Vergleich.
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Morgen muß ich nun bei Herrn Rentsch, ins Büro, und wollte dann anschließend Frau oder Frl. Koop suchen. Mich für das Zimmer an der Anlage sofort entschließen kann ich nicht. Es sind zu viel Bedenken, daß es garzu primitiv ist und herauswerfen kann man mich hier nicht, hat auch Herr Rentsch versichert, da ich ja vertrieben bin. Ich werde fragen, wann ich mich entschließen muß.
Ich habe ja garnicht die Möglichkeit, einen Umzug zu planen, ehe ich weiß, wie der Raum ist, und was ich für mich behalten kann. Und wohin soll ich das Übrige dirigieren? – Das Wenige, das für Dieter herausgestellt war, mußte ja wieder eingeräumt werden. Er schreibt weder nach Tutzing noch an mich. Auch von Gisela hörte ich noch nichts. Ist denn die ganze Welt pathologisch? Übrigens bin ich selber ja öfters nicht voll zurechnungsfähig. — Wenn es also irgend möglich ist, möchte ich eine doppelte Umsiedlung vermeiden.
Frau Dörsam ist – halb aus Menschenliebe, halb aus Hoffnung auf Vorteil – sehr bereit, mir zu helfen. Also vorläufig ist alles gut geordnet. – Außer der
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| regelmäßigen Unterstützung von Dir kamen jetzt zwei Nachzahlungen der üblichen Renten von 24 und 90 M. Ich habe also keinen Mangel.
Frau Heinrich unterstreicht immer meine berechtigten Ansprüche und kann ebenso wenig einen Grund für die Katastrophe verstehen. Geplante kleine Gaben [über der Zeile] nach den üblichen Seiten fürs Fest habe ich garnicht vorbereiten können, es war zu wirbelig in meinem Kopf. Ich hatte, wie Du ja auch schreibst, mich "einstweilen" mit Grußkarten entschuldigen wollen. – Sehr froh bin ich, mein lieber, einziger Freund, daß die Sache mit Hermann so glimpflich verlief, und ich danke Dir ganz extra dafür: Er ist doch nun mal mein Bruder!
Was etwa noch fehlt – denke Dir bitte hinzu. Ich möchte diesen Brief noch vor Abgang der letzten Post (18 Uhr) hinbringen. – Wann kam denn der bei Dir an, den ich später noch in die Bahnpost brachte?
Dank und Grüße an Susanne und Ida.
Es denkt Dein zu jeder Stunde und lebt von Deiner helfenden Liebe
Deine
Käthe.