Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1954 (Heidelberg)


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<die S. 3 ist im Scan am re. Rand abgeschnitten – es fehlen Satzzeichen und bis zu 4 Buchstaben>
Heidelberg. 24.XII.54.
Mein geliebter Freund!
Den ganzen Nachmittag habe ich still in meinem Zimmer verbracht, mit guten Gedanken an all die Liebe, die mir aus vielen freundschaftlichen Grüßen entgegen kommt, und in der stillen Gewißheit, daß Du auch diese rätselhafte Epoche, die über mich so unversehends gekommen ist, verstehst und mir darüber hinweg hilfst. Du wirst mir auch verzeihen, wenn ich ein wenig von Deinen Ratschlägen abgewichen bin, und die kleinen Gaben, die ich den Mitbewohnern zugedacht hatte, auf den Eßtisch in der Küche legte. Ich wollte endlich Klarheit haben, denn ich wollte nicht die Unversöhnliche sein. Wie ich voraussah, war es natürlich vergeblich. Mit der Begründung, "es täte ihr leid, aber ich könnte die Sachen
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| vielleicht irgend einem armen Kind schenken." Also immer die Besorgnis, nicht hoch genug eingeschätzt zu sein.
Einige wirkliche Freuden hatte ich statt dessen! Vor allem ist es die rasche Verbreitung, die das Buch, das Deine Gedanken so zusammenfassend vermittelt, so unmittelbar gefunden hat. Das läßt mich fühlen, wie sehr es zur rechten Zeit kam. Auch mir ist es in seiner Fülle eine tägliche Stunde der Sammlung, und die Gedanken treten mir in immer neuem Zusammenhang entgegen.
Wie habt Ihr die Feiertage zugebracht? Bei mir war schon vor Tagen ein großes Päckchen aus Tübingen angekommen, das ich nun heut als erstes bei dem ganz kleinen Tannenzweig öffnete, das mir sehr wirksam über die Ernährungsfrage hinweghelfen wird, und in dem mich besonders die lieben Worte von Susanne und die Grüße von Ida wohltuend berührten. – Eine wirklich große Freude war mir auch ein selbstgeschriebener Brief von
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| Hildegard Held, die täglich etwas aufstehen darf und schreibt: "es ist doch ein Anfang zum Besseren, und sie wolle im Kämpfen nicht laß werden."
Auch von Mädi habe ich einen Brief im Päckchen bekommen, von Ursel (Kohler)-Plath die Bilder ihrer 3 Buben, von Berlin, von Schwidtals, überall Liebesgaben und ich habe noch nicht einmal einen schriftlichen Gruß geschickt. Der Mann von Elsbeth Gunzert kam mit einer Flasche Wein und unterhielt mich sehr lebhaft von pessimistischen Zukunftsgedanken; kurz, es ist mir viel Freundliches erwiesen, was mir doch ein gewisses Gegengewicht für die krasse Erfahrung im Hause gibt. (Übrigens war der Mann vorhin durchaus normal im Verkehr).
Und in der Rose bin ich jetzt direkt altbekannt, die Wirtin sprach mir von den Schwierigkeiten, die die geringe Beteiligung der Einwohner am Gasthausbesuch bringt. Es beschränkt sich auf Handlungsreisende. Mich hat sie überraschend mit Äpfeln und Gutseln bedacht, wofür ich mich mit netten Taschentüchern
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| für das Töchterchen Heidi revanchierte.
Noch einmal muß ich auf die Heimangelegenheit kommen. Du schriebst von einem Frl. Koob im Sozialamt. Ich konnte sie nicht gleich ausfindig machen und fand dort an der Pforte sehr spährliche Auskunft. Hatte nun doch mit Herrn Rentsch schon eingehende Verhandlung und das nähere Amt der Dame hieß Wohlfahrts-Jugendamt. Nur auf mehrfaches Drängen erfuhr ich dies und die Zeit ihrer Sprechstunde. Da war es zu spät. – Überhaupt habe ich natürlich alles recht ungeschickt angefangen, aber die Lösung mit dem Heim an der Anlage ist mir ein angenehmer Gedanke. – Hast Du den großen Brief noch zum Heiligen Abend erhalten?
Ich grüße Euch sehr herzlich und hoffe, daß Ihr trotz des Sturms möglichst ruhige Tage habt. Sobald ich irgend kann, schreibe ich an Susanne, aber vorläufig bin ich noch nicht wieder ganz frei im Kopf. Aber Verodigen tut mir gut.
Wie es auch komme, ich hoffe standzuhalten!
Immer
Deine Käthe.

[li. Rand] Ich schrieb wohl schon: 1. Feiertag bei Franzens, 2. bei Heinrichs?