Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Dezember 1954 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.XII.1954.
Mein geliebter Freund!
Ich muß Dir doch unbedingt heut noch einen Gruß schicken, denn ich hatte einen sehr schönen Weihnachtstag. Der Morgen fing an mit nassem Schnee, der allmälig immer dichter wurde und ich hatte schon Bedenken, ob ich nach Neuenheim fahren sollte. Aber ein paar alte Gummischuh halfen mir über die Bedenken weg, und ich bereute es nicht. Die Gesellschaft war familienhaft behaglich, die Stimmung belebt, der Blick aus dem Fenster winterlich reizvoll und das Essen festtäglich. Nach Tisch wurde ich auf ein Sopha gepackt und schlief sofort ein – kurz, es war wie im Schlaraffenland. Nach dem Kaffee gab es bei Kerzenlicht Conzert, Gretel Franz spielt vorzüglich Klavier: Bach, Toccata in C moll, Mondscheinsonate, und kleinere Sachen von Brahms. Das war sehr schön. Und nachdem alles verklungen war, brachte mich Gretel mit
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| der Elektrischen bis an meine Anschlußbahn in der Bahnhofstraße, was ich ja eigentlich auch allein geschafft hätte. –
Nun gehen die Gedanken natürlich wieder fragend in die Zukunft. Werden diesmal die Hoffnungen sich erfüllen? Die Ausführungspläne christallisieren sich mir immer mehr und ich hoffe ernstlich, daß es ausführbar wird. Aber ganz ausschalten darfst Du mich dabei nicht, denn ich muß es doch nachher ertragen. Mein Haushaltsrest ist doch ein wenig anders als der Kram der guten Wingeleit. – Aber ich denke jetzt doch, daß es helfen könnte, wenn Hermann käme, vor allem, um über das zu bestimmen, was ich nicht unterbringen kann. Zunächst aber muß ich zum 1. Januar das Zimmer für Februar kündigen. Es war sehr ungünstig, daß gerade die Weihnachtszeit mit ihrer Unruhe den Herrn Rentsch sehr ablenkte. Sonst hätte ich ja schon größere Gewißheit. Das Zimmer ist ja leer, also wird es damit hoffentlich kein Hindernis geben.
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Im Gegensatz zu der Behandlung, die ich hier erfahren mußte, empfinde ich all die viele Liebenswürdigkeit von andrer Seite doppelt wohltuend. Sogar Herr Wüst ist höflich, vermutlich soweit es die Frau gerade nicht sieht!!
Ich simuliere, ob ich wohl versuchen soll, Frl. Koob noch irgendwie zu erreichen, bei eventuellen Kündigungsschwierigkeiten? Auf jeden Fall werde ich kündigen, es fragt sich nur ob mein Vertrag monatlich oder ¼ jährlich gilt. Eventuell könnte es Mehrkosten verursachen, daß ich damals als selbständiger Haushalt angegeben war.
Ach, was sind das jetzt immer für Briefe, die ich Dir schreiben muß! Aber es wird auch wieder anders werden, nicht wahr?
Jeden Abend suche ich mir Kraft in Deinen Gedanken zur Daseinsgestaltung und immer treffe ich auf etwas, das mir helfen kann.
Und so bin ich bei Dir, wenn auch räumlich fern. Grüße von mir wie immer, und denke mit Zuversicht an mich.
Deine dankbare
Käthe.