Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Februar 1955 (Tübingen)


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Tübingen, den 22.II.55.
Meine geliebte Freundin!
Lieber einen Tag zu früh, als einen Tag zu spät. Mit der von Dir gelieferten Feder – was für mich eine symbolische Bedeutung hat – schreibe ich Dir zu Deinem 83. Geburtstag. Wenn ich auf die Stürme vom Jahre 1954 zurückblicke, darf ich wohl hoffen, daß Du diesen Festtag in der Stimmung begehst, wirklich ein neues Heim gefunden zu haben, in dem man sich – nicht zu dick und nicht zu dünn – wirklich um Dein Wohl kümmert. Vermutlich gibst Du auch den ersten Damenkaffee. Den wünsche ich aber nicht zu sehr ausgedehnt, damit er nicht anstrengend wird.
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| In Deinem Alter hat man das Recht, dem Besucher zu sagen: "Nun ist es genug; kommen Sie bald wieder!"
Zentralheizung und fließendes Wasser wäre für die 3 Groschen zu viel verlangt. Aber daß es immer warm genug im Zimmer sein möge, ist natürlich mein lebhafter Wunsch.
Susanne hat sich über Deinen lieben Geburtstagsbrief sehr gefreut. Wir haben den 19.II. schön verlebt. Nachdem alle auch diesen Tag bedrohenden Verpflichtungen ferngehalten waren, fuhren wir um 11 nach Bieringen, Station hinter Bad Niedernau, gingen 1 Stunde auf stillem Fahrweg neckaraufwärts, dann ½ Stunde auf einem Fußpfad, der im Schnee viele Rehspuren trug, ziemlich steil zum Schloß Weitenburg hinauf. Dieser ansehnliche Renaissancebau birgt seit August trotz seiner Abgelegenheit ein
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| geschmackvoll eingerichtetes Restaurant, in dem wir gut gegessen haben. Blick auf das weiße Tal mit dem leicht grünen Fluß. Der Weg abwärts nach Eyach dauerte wieder 1½ Stunden. Ich habe damit das Maximum geleistet, das mir heute noch möglich ist. Um 17 fing es an zu schneien.
Sonntag waren wir bei dem jungen Ehepaar Dr. Herchenbach mit dem Doktorvater Physiker Prof. Kossel. Es war ehrlich langweilig.
Nun bin ich bei der 2. Aufl. meines Pestalozzibuches (4 Monate später als geplant!). Das Seminar schließt am 24.II; am Nachmittag ist dann eine kleine Studentengesellschaft im Hause. Samstag muß ich nach Karlsruhe fahren.
Freitag bleibt also frei, um im stillen mit Dir zu feiern. Es geschieht auf einem Erinnerungshintergrunde, der mehr als ein halbes Jahrhundert und einen unendlichen
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| inneren Reichtum umfaßt. Dies auf Worte zu bringen, wird immer unmöglicher. Für das weitere wünsche ich mir von Dir immer das Gleiche, nämlich daß Du Dich schonst und immer recht vorsichtig bist, besonders in den bevorstehenden Monaten März und April, die ungleiche Wetterlagen bringen werden. Ich bestehe auch nur noch aus Vorsicht und Askese.
Wie lauten die Nachrichten von Deiner Schwester? Hoffentlich besser.
Ein Geschenk habe ich für Dich außer dem beiliegenden neuen Konterfei leider nicht. Als Ersatz bitte ich immer, meine gelegentlichen leibhaften Besuche zu betrachten.
Alle grüßen mit mir. Sei auch fortan gewiß der innigen Nähe
Deines
Eduard

[] Heute war Nieschling hier, Sonntag Frl. Besser.